PORTO SUL: sind Korallenriffe mehr Wert wie Menschenleben?

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Am heutigen dritten Tag verabschieden wir uns von den Bauern aus der Region Itariri und fahren an der Küste entlang Richtung Norden. Wir wollen die Fischer von der Lagoa Encantada besuchen. Auch von ihnen möchten wir gerne wissen wie sie über das Hafenprojekt und deren Auswirkungen auf die Region denken. Nach einigen Fahrkilometern auf der Hauptstraße durch mehrere kleine Fischerdörfer und Ferienwohnanlagen kündigt ein Strassenschild die Abzweigung zu unserem Ziel an. Wir biegen ab und es geht über 13 km sehr schlechter Landstrasse mit argen Schlaglöchern. Kurz vor unserem Ziel, wir fahren leicht abwärts, sehen wir zum ersten Mal die Lagoa Encantada.

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Im Fischerdorf direkt an der Lagoa Encantada treffen wir Joca. Er ist Fischer, Reiseführer, Restaurantbesitzer und Präsident des lokalen Vereins zum Schutz dieses Gebietes. Joca erzählt uns ein bisschen mehr über die Geschichte. Der See wurde 1572 von Pero de Magalhães Gândavo eher zufällig entdeckt. Er kam mit seinem Schiff vom Meer über den Fluss und landete in der Lagoa Encantada. Hier steckte er mit seiner Besatzung mehrere Tage fest. In einem Brief an den portugiesischen König schilderte er diese Tage und schrieb von schwimmenden Inseln die vom Wind hin und hergeschoben wurden und sein Schiff regelrecht einkreisten und festhielten. Nach dieser kleinen Geschichtsstunde fragen wir Joca über das Hafenprojekt Porto Sul.

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Er zeigt sich sehr besorgt, erklärt uns das die Lagoa Encantada eines der wichtigsten Laichgebiete in der Region ist. Die Fische kommen vom Meer und den umliegenden Flüssen jährlich hier her um zu laichen. Falls der Hafen gebaut wird, befürchtet er, dass die Meereströmungen durch die Baggerarbeiten, den Steinwall,… sich verändern, und dies hätte direkte Auswirkungen auf die Fische und Lebewesen unter Wasser. Joca macht folgenden Vergleich: “für mich ist dieses Hafenprojekt wie die Vassoura de Bruxa (Schädling der vor wenigen Jahren gesamte Kakaoplantagen zerstört hat). Die Vassoura de Bruxa hat viele Bauern und Grossgrundbesitzer in den Ruin getrieben. Das kann uns auch mit diesem Projekt geschehen.” Abschliessend fragt uns Seu Ricardo der sich zu uns gesellt hat: “kennt ihr irgendein solches Projekt das 10tausende Arbeitsplätze schafft? Das ist nämlich die derzeitige Anzahl an Familien die vom Fisch- und Meeresfrüchtefang hier in der Region leben.” Wir antworten mit einem klaren Nein. Zu Beginn wird es sicher neue Arbeitsplätze geben, aber die sind von kurzer Dauer. Anschliessend braucht es Arbeiter für die Verwaltung, das Verladen und die Logistik, diese Arbeitsplätze werden aber kaum die Fischer die mehr schlecht als recht schreiben und lesen können bekommen. Nach unserem Gespräch und Interview, essen wir zu Mittag. Es gibt Fisch, Reis und Bohnen. Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns von Joca, Seu Ricardo,… und fahren zurück Richtung Ilhéus.

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Es steht noch ein Halt bei den Fischern in der Vila Juerana, an der Küste und direkt vom Hafenprojekt betroffen, an. Hier neben den einfachen Häusern der Fischerfamilien soll während 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche das Förderband beladen mit Eisenerz vorbeirattern. Zusätzlich soll hier der Verwaltungskomplex, breite Zufahrtstrassen und alles was sonst noch gebraucht wird errichtet werden.

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Die Fischer sind empört. Sie berichten uns das der Bau des Hafens vor Jahren ein paar Kilometer weiter im Norden geplant war. Dort sagen sie, hat das Umweltamt (=IBAMA) das Bauvorhaben wegen der Korallenriffe gestoppt. Jetzt sind sie hier bei uns. Seu Dell sagt uns nachdenklich: die Korallenriffe müssen laut den IBAMA-Mitarbeitern geschützt werden, und was ist mit uns! Sind wir weniger Wert wie Korallenriffe? Uns würde der Bau dieses Hafens um unsere Existenz bringen.” Es ist bereits Abend, wir müssen zurück nach Ilhéus, dort haben wir morgen noch einiges vor. Während unserer Fahrt in die Stadt gehen uns die Worte von Seu Dell nicht aus dem Kopf.

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