Wir, die wir die Welt nicht besitzen wollen!

ein paar Gedanken zur Ökumenischen Versammlung in Mainz”

In dem, denke ich, bewusst aufrüttelnd formulierten Aufruf zur Versammlung finden wir gleich zu Beginn deutliche Worte: “die Zeichen der Zeit sind alarmierend” sowie “Krisen verstärken sich gegenseitig”. Dem stimme ich absolut überein. Allerdings, immer wenn ich das in letzter Zeit viel zitierte Wort Krise höre, fällt mir die belgische Philosophien Isabelle Stengers ein. Sie nämlich sagt: “dass das Wort Krise unserer Zeit nicht mehr angepasst ist. Den eine Krise setzt voraus, das sie überwunden werden kann, aber aus der Situation in der wer uns heute befinden gibt es vielleicht kein zurück mehr.” Wir müssen lernen mit dieser Situation zu Leben, oder mit anderen Worten, wir müssen lernen mit dieser neuen Realität: Wirtschaftswachstum gleich null, Klimawandel, Flüchtlingsströmen nach Europa,… umzugehen.

Ökumenische Versammlung

Photo: © WCC/Eduardo Quadros

Wir müssen uns alle bewusst sein das es unumgänglich ist sich mit diesen Veränderungen auseinanderzusetzen und konkret gemeinsam Auswege zu finden. In diesem Zusammenhang möchte ich den Veranstaltern recht herzlich danken das sie uns hier diese Möglichkeit geben. Ich denke es ist ein starkes Zeichen – der Hoffnung und des Glaubens – wenn sich so viele Menschen wie hier versammeln um über eine andere Zukunft ohne Zerstörung nachzudenken. Dies verlangt von uns, unsere Lebensweise und -art zu hinterfragen und definitiv zu akzeptieren das es notwendig ist sie zu verändern! Hier glaube ich liegen übrigens die grössten Herausforderungen, den so wie der bekannte Theologe Jon Sobrinho einmal erwähnte: “das Problem besteht weniger im Wissen was zu tun ist, darin machen wir Fortschritte, sondern im Wollen des Tuns, darin kommen wir nämlich kaum voran”.

Gerade wenn man wie ich in Österreich geboren ist, seit fast 20 Jahren in Brasilien lebt und dort in der CPT (=Landpastoralkommission) mit den “Opfern des Wachstums und Fortschritts” zu tun hat, weiss man nur allzu gut was es bedeutet sich der perversen Logik der weltweit vorherrschenden Marktwirtschaft und des Neoliberalismus unterzuordnen. Den die neo-koloniale exportorientierte Wachstumspolitik der brasilianischen Regierung, in der commodities (Rohstoffe die per Börse gehandelt werden) mehr Wert sind wie Menschenleben, nimmt nur sehr wenig Rücksicht auf soziale oder ökologische Konsequenzen. Aus diesem Grund sprechen die direkt Betroffenen der expandierenden Agrarrwirtschaft, der neuen Bergbau- sowie Infrastrukturprojekte nicht ohne Grund vom Fluch der Bodenschätze. Sie wissen genau was es bedeutet aus ihren Territoriums vertrieben zu werden, wie die transnationalen Unternehmen gegen die Menschenrechte verstossen, sich die natürlichen Ressourcen aneignen und sich damit bereichern. Schlichtweg was es bedeutet dem scheint´s notwendigen Wachstum zum Opfer zu fallen!

So zum Beispiel die Arbeiter der Atomfirma und Betroffenen die direkt neben der Uranmine im Bezirk Caetité, Bahia, leben. Hier wird über Tag Uran abgebaut. Sie sind Strahlenbelastungen ausgesetzt die weit über dem erlaubten Grenzwert liegen und die steigende Krebsrate, sowie Kinder mit Leukämie und Missbildungen sind erschreckend. Dieses Uran, anschliessend vorort zu “Yellowcake” weiterverarbeitetkommt zur Anreicherung nach Europa, um anschliessend in den Atomkraftwerken rund um die Stadt Rio de Janeiro eingesetzt zu werden. Speziell Deutschland spielt hier eine grosse Rolle, den obwohl hier bis zum Jahr 2022 der Atomausstieg geplant ist, will man keineswegs auf die Anreicherung des Urans sowie den Verkauf von Technologie an andere Länder verzichten. Da der bereits in die 70iger Jahre zurückreichende Kooperationsvertrag zwischen Deutschland und Brasilien im November neuerlich ausläuft, versuchen derzeit einige NGO´s aus beiden Ländern über eine Anti-Atomkampagne die neuerliche Verlängerung zu verhindern. Ich wäre Euch sehr dankbar wenn ihr Euch aktiv in dieser Kampagne engagieren würdet.

Aber nicht nur die Arbeiter und Familien rund um die Uranmine befinden sich in einer menschlichen Tragödie. So auch viele andere Familien unzähliger neu entstehnder Bergbauprojekte auf der Suche nach seltenen Erden, oder dort wo die Agrarrindustrie (Soja, Mais, Zuckerrohr) unter massiver Förderung des brasilianischen Staates seine Monokulturplantagen um jeden Preis vergrössern möchte. Hier wird nicht nur mit gentechnisch verändertem Saatgut experimentiert, sondern auch mit Unmengen von Herbiziden und Pestiziden. Brasilien ist mit einem aktuellen pro Kopf Verbrauch von 5,2 l/ Jahr weltweit absoluter Spitzenreiter, viele dieser Spritzmittel sind übrigens in Europa bereits seit Jahren verboten. Vor allem der Sojaanbau ist davon stark betroffen, und diese Soja wird zu 80% als Futtermittel direkt nach Europa, unter anderem auch nach Deutschland, exportiert. Somit wissen wir hier vielfach nicht, und es ist sehr schwierig nachzuverfolgen, was die Tiere die auf unseren Tellern landen vorher zu fressen bekommen haben. Aber auch was den Zuckerohr betrifft gibt es direkte Verbindungen. Den Coca Cola kauft in brasilianischen Zuckerfabriken ein, die ihre Monokulturplantagen über indigene Territoriums und Dörfer von Kleinbauern ausgebreitet haben. Ganze Familien wurden dabei vertrieben und es kam zu grossen Auseinandersetzungen.

In vielen Gebieten bleibt nach den regelrechten Plünderungen ein reines Chaos zurück. Dabei sind verschmutztes Trinkwasser sowie die vergiftete Luft und Erde gang und gebe und die lokale Bevölkerung verliert vielfach ihre Lebensgrundlage. In diesem Zusammenhang habe ich mittlerweile Situation kennengelernt von denen ich früher nicht einmal gewagt hätte zu träumen. Und wenn es auch nicht immer einfach ist, bin ich mir heute sicher, das wir alle global untereinander abhängig sind. Jede Entscheidung die wir treffen, egal wo auf der Welt, hat einen direkten Einfluss auf andere Gebiete und die dort ansässigen Familien, ihre Armut, ihren Reichtum, ihre Ausbeutung oder Bereicherung. Der uns allgemein vermittelte Gedanke, dass es für alles Lösungen gibt mit denen wir gemeinsam nur gewinnen können ist in diesem Zusammenhang total falsch und darf keineswegs von uns akzeptiert werden, auch wenn wir scheint´s auf einer Insel der Seligen zu Hause sind.

Derzeit verbrauchen wir soviel Energie und Rohstoffe wie nie zuvor um unsere konsumorientierte Gesellschaft zu sättigen. In diesem Zusammenhang ist es ein Trugschluss zu glauben, das wegen der billigen Marktpreise der vielfach unnotwendigen Dinge die wir uns täglich beschaffen, diese Rohstoffe noch in Hülle und Fülle vorhanden sind. Diese billigen Preise stehen in direktem Zusammenhang mit den verschiedenen Gesichtern der Ausbeutung. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie der Menschenrechtsorganisation Global Whitness haben, zwischen 2002 – 2013, aufgrund der Verteidigung ihrer Territoriums, der Umwelt und natürlichen Ressourcen über 900 Menschen ihr Leben verloren. Brasilien ist dabei mit Abstand das gefährlichste Pflaster für alle Land- und Umweltaktivisten. Fast die Hälfte, nämlich insgesamt 448 aller Morde wurden hier ausgeführt, und die Tendenz ist stark steigend. Allein in den letzten drei Jahren kamen wöchentlich zwei Aktivisten ums Leben, davon in erster Linie betroffen sind die indigenen Völker, traditionelle Bauern, Sozial- und Umweltaktivisten. Die Straflosigkeit ist dabei die Regel, den im selben Zeitraum wurden nur 10 Menschen für ihre Verbrechen verurteilt.

Ich glaube das sich viele dieser Realität bereits bewusst, das sie wissen das ein grenzenloses Wachstum unmöglich ist und dies auch nicht als wünschenswert ansehen. Dies ist allerdings nur ein erster Schritt auf dem langen Weg den wir noch vor uns haben. Wir müssen, wenn wir den nächsten Generationen ein zukünftig lebenswertes Leben garantieren möchten unser Zivilisationsmodell radikall verändern, sei es auf wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Ebene.

Wir stehen vor der dringenden Notwendigkeit uns mit Wachstumsrückschritten auseinanderzusetzen. Dies hat übrigens wie viele Gegner behaupten nichts mit weniger Lebensqualität oder zurück in die Steinzeit zu tun. Ich bin mir sicher, das wir hier speziell von den “sogenannten Armen” dieser Welt, die nie die Welt besitzen wollten, und vielfach heute noch versuchen in Einklang mit der Natur zu leben, lernen können. Vor allem die indigenen Völker aus Bolivien und Equador zeigen uns auf das es Möglichkeiten gibt. “Buen Viver oder Sumak Kawsay”, übersetzt “das Gute Zusammenleben oder das Leben in Fülle” gilt als Symbol für die, die sich als Opposition sehen gegen die dominierende Logik des neoliberalen Kapitalismus, des ständig Mehr und immer Schneller. Der portugiesische Soziologe Boaventura Souza Santos beschreibt dies wie folgt: “Wir sprechen nicht mehr von ökonomischem Wachstum und vom Bruttoinlandsprodukt, wir reden von breit gefächerten Beziehungen zwischen den Menschen, der Natur, dem gemeinschaftlichen Wesen, den Vorfahren, der Vergangenheit und der Zukunft. Das Ziel, das uns zusammenführt ist nicht mehr die von der linearen Perspektive der Geschichte ausgehenden Entwicklung, sondern die Konstruktion der Gesellschaft des “Buen Viver”.” Kurzum, es ist der Vorschlag, die vorhandenen Ressourcen anhand der gemeinsamen Notwendigkeiten aufzuteilen, bewußt Grenzen zu setzen (z. B: vom Bergbau freie Zonen zu definieren) um allen ein gutes Leben zu ermöglichen, sei es der jetzigen Generation, sei es den zukünftigen Generationen. Oder wie es Kant einmal formuliert hat: “alles was nicht universalisierbar ist, kann nicht ethisch vertretbar sein!”

Es gibt bereits viele Initiativen in dieser Hinsicht. Wichtig ist dabei das wir bereit sind von einander zu lernen und nicht für/ über andere zu entscheiden was sie dürfen oder nicht. Es geht hier viel weniger darum andere zu entwickeln, oder andere in ein fertiges Modell zu stecken, als gemeinsam aus der Vielfalt der Ethnien, Rassen, verschiedenen Kulturen und Voraussetzungen,.. sich weiterzuentwickeln oder uns alle einzuwickeln in die notwendigen Veränderungen. Dies ist allerdings nur dann möglich wenn wir uns, wie Paulo Freire uns gezeigt hat, einlassen auf unser Gegenüber, bereit sind einen direkten und wahren Dialog einzugehen und dabei unser kritisches Bewusstsein stärken. Den Gerechtigkeit und Frieden können nur über die Bewusstseinsbildung und aus der Überzeugung heraus entstehen, niemals allerdings durch neuerliche Unterdrückung oder überstülpen einer bereits vor definierten Meinung wie es in der Geschichte schon so oft der Fall war.

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