Georgien, Granada und die ungeladenen Gäste eines Geburtstagsfest

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Was haben wohl Georgien, Granada und Brasilien gemeinsam? Für alle, die zufällig den diese Woche veröffentlichten Human Development Report 2014 der UNO in die Hand bekommen haben, wissen bereits die Antwort. Natürlich, den Wohlstandsindikator! Diese Länder liegen nämlich alle zusammen auf dem 79. Rang – im Jahr zuvor hatte Brasilien übrigens den ausgezeichneten 80. Rang eingenommen – der insgesamt 187 Länder zählenden Liste was Kaufkraft, Lebenserwartung und Bildung betrifft.

Aber wie kann das sein? Eine der größten und bedeutendsten Wirtschaftsnationen der Welt – ein “Big Player” – auf Augenhöhe mit Georgien und Granada? Ohne die beiden Staaten geringschätzen zu wollen, aber Georgien liegt die Wirtschaftsleistung betreffend an 113. Stelle, Granada gar an der 173. Stelle unter der 183 Länder zählenden Liste – dieser Welt.

Bei genauerem hinschauen ist es ist nicht allzu schwer die Antwort ausfindig zu machen. Denn die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes, also die gesamte wirtschaftliche Leistung in einer Volkswirtschaft, sagt noch lange nichts darüber aus wie die Einnahmen verteilt werden, sprich für wen dabei die größten Tortenstücke abfallen.

Ich werde versuchen dies Anhand eines kleinen Beispiel aus dem Bezirk Morro de Chapéu, also hier aus der Region in der ich seit Jahren lebe, zu erklären.

Vor gut zwei Jahren, während meines ersten Besuches bei Seu Antonio, von Geburt an Bauer, hat er mir voller Stolz von seiner Situation erzählt: “Jetzt da die Windenergiefirma hier ist wird sich für uns alles verbessern. Wir werden gut verdienen und in Zukunft ein ausgezeichnetes Leben führen.” In weiterer Folge erklärte er mir, was für einen guten Deal er mit der Firma gemacht hatte. Laut seinen Angaben wollten sie nur einen Teil seines ohnehin kleinen Stück Landes, sie würden nichts verändern, er könne weiterhin seine Tiere züchten und würde auch noch etwas für die Pacht bekommen. Somit, die besten Voraussetzungen für ein besseres Leben!

Vor kurzem hatte ich wieder die Möglichkeit bei Seu Antonio vorbeizuschauen, und ich war natürlich gespannt über seine aktuelle Situation. Bei meiner Ankunft im Dorf sah ich ihn gleich vor seinem Haus. Er saß gemütlich auf seinem Hocker und in seinem Mundwinkel steckte eine selbstgedrehte Zigarette. Ich grüßte, und setzte mich neben ihn und wollte natürlich wissen wie sich seine Situation entwickelt hatte.

Nach einigem Zögern begann er zu erzählen – von der Euphorie vor einigen Monaten war leider nicht mehr viel zu spüren. Es hatte alles gut begonnen, sagte er mir. Kurz nach meinem ersten Besuch hatte er die erste Rate für die Pacht des ersten Jahres bekommen und konnte sich ein paar Rinder dafür kaufen die er auf seine Weide stellte. Doch nach wenigen Tagen kam einer der Verantwortlichen der Windenergiefirma und teilte ihm mit das seine Rinder von der Weide weg müssten. Denn genau dort werde in den nächsten Tagen das Depot und die Unterkunft für die Arbeiter entstehen und da waren die Rinder natürlich im Weg. Weiters müsse man eine Straße quer durch seinen Besitz bauen für den notwendigen Schwerverkehr. Seu Antonio staunte und erzählte dem Verantwortlichen von den Versprechungen und dem großen Geld. Der allerdings schaute ihn nur verwundert an und schob ihm den von beiden Seiten unterzeichneten Vertrag unter die Nase. Laut dem dürfen sie das, und Seu Antonio hatte ja sein Einverständnis gegeben. Detail am Rande, Seu Antonio hatte leider nie die Möglichkeit lesen und schreiben zu lernen und hatte den Vertrag ohne die Möglichkeit zu lesen, gutgläubig anhand der Versprechungen einfach unterschrieben.

Somit hat er nun zwar einige Rinder, und bekommt monatlich laut Vertrag etwa 100 Euro, allerdings darf er nur auf seinen Besitz mit Erlaubnis des Firmenverantwortlichen. Für seine Rinder musste er ein Stück Land vom Nachbarn pachten, und für diese Pacht reichen seine 100 Euro kaum. Seu Antonio träumte davon ein wenig am Kuchen des Fortschritts mitnaschen zu können – übriggeblieben sind gerade einmal ein paar Krümel. So wie Seu Antonio geht es Millionen von Brasilianer/innen. Es ist wie bei einem schlechten Geburtstagsfest: Die Torte ist da, aber niemand schaut darauf, das sie angeschnitten wird, und das jede/r sein/ihr Stück bekommt.

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