Von einer schlichten Bank inmitten aromatisierter Kakaobohnen

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Als ich vor dem Haus von Seu Josuel in die Hände klatsche um auf mich aufmerksam zu machen, hat mich der intensive Geschmack der frisch geernteten Kakaobohnen bereits voll in seinen Bann gezogen. Die verschiedenen Gerüche, buntgefärbten Blätter und Geräusche des Windes der durch die Kakaubäume fährt sind immer wieder ein ganz besonderes Erlebniss.

Der Hausherr, Seu Josuel, mit einem von der Feldarbeit korpulent geformten, von der Sonne gegerbtem dunkelhäutigem Körper ist ein bisschen über 70 Jahre und ruft mich zu ihm. Sein Haus in dem er seit er sich erinnern kann wohnt steht im Bezirk Ubaitabã, in der Nähe der Stadt Ilhéus, im Süden von Bahia. Er sitzt gemütlich auf seinem eigenhändig aus einem Baumstamm gesägten Holzbrett, gestützt von zwei einfachen Ziegeln. Neben ihm sein Sohn und das jüngste Enkelkind die gerade auf Besuch sind.

Nach einer freundlichen Begrüssung, frage ich wie es geht. Nach dem er mich kurz anschaut, senkt er seinen Kopf und schaut auf die braungefärbte Erde. Nach einigem Zögern richtet er seinen Blick wieder auf mich und beginnt zu erzählen. Es war vor gut drei Jahren, als die Bauingenieure ihn das erste mal aufsuchten. Damals erzählt er weiter: “was sollte ich machen, sie haben mir gesagt das die Regierung sie schickte um mit uns Bauern zu verhandeln, da sie hier eine Gleisverbindung für den Zug bauen müssten, dabei führe keine Weg vorbei. Sie kamen von der Regierung, die sind wichtig, gegen die kann man als einfacher Bauer nichts ausrichten.”

Wenn Seu Josuel vom Zug spricht, dann handelt es sich um die Verbindung der Eisenbahnlinie FIOL (Ferrovia Oeste Leste) die derzeit von der Bundesregierung gebaut wird. Sie soll aus dem westlichen Teil Bahias, aus der Stadt Barreiras, über 1.527 km Richtung Süden nach Ilhéus verlegt werden. Personentransport ist dabei keiner vorgesehen, den es geht ausschliesslich um den Gütertransport von Eisenerz und Soja. Bodenschätze die anschliessend über den Schiffsweg in die ganze Welt exportiert werden sollen.

Nach dem ich mich zu ihm auf seine schlichte Bank setze bitte ich ihn mir zu erzählen was sich anschliessend ereignete. “Sie haben mir ein Angebot gemacht, haben mir für 4.000 m² von meinem mit Kakaubäumen bebauten Land insgesamt R$ 4.000,00,- (ca. € 1.300,00,-) geboten. Dieses Geld habe ich schon lange ausgegeben und konnte mir nicht viel dafür leisten.” erzählt er mit bedrückter Stimme weiter. Dazu kommt, das er heute um sein Haus zu erreichen die viel tiefer liegende Bahntrasse, dort wo zukünftig die Gleise verlegt werden sollen überqueren muss, da die Firma VALEC die versprochene Überführung noch nicht errichtet hat.

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Der grösste Verlust für ihn ist allerdings der bereits verlorene Landstrich. Nach einer schnellen gemeinsamen Rechnung vor Ort wird klar das er knapp 1% des gesamten Wertes erhalten halt. Dies, wenn man mit einberechnet wie viel er in den nächsten Jahren anhand der Ernteverluste weniger einnehmen wird. Den mit dem Betrag den er bekommen hat konnte er sich nicht ein selbes bebautes Stück Land aneignen um den Verlust wieder gut zu machen. Das heisst für Seu Josuel um einges weniger Ertrag in den nächsten Jahren. Dazu kommt das seine Hausmauern nach den vollzogenen Sprengungen, direkt vor seiner Haustüre, mittlerweile voll von Rissen überzogen sind.

Trotzdem ist er der Regierung, den Bauingenieuren sowie den Verantwortlichen der Firma VALEC keineswegs böse. Sie kommen wie er betont fast täglich bei ihm vorbei und bitten um ein Glas Wasser oder eine frische Kokosnuss. Diesen Gefallen, wie er selbst sagt, tut er ihnen gerne und hat in all den Jahren noch nie etwas dafür verlangt. Sie setzen sich dann wie ich neben ihn auf seine einfache Bank und unterhalten sich für ein paar Momente mit ihm. Daran ändert auch die Tatsache, dass die Firma VALEC laut des brasilianischen Rechnungshofes in einen der grössten Korruptionsskandale verwickelt ist, nicht viel. Den was soll Seu Josuel schon als einfacher Bauer dagegen ausrichten.

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