Die Lebensader – der “velho Chico”

Pirapora-MG9

Foto: João Zinclar

Am gestrigen 04. Oktober 2014 passten die Worte des brasilianischen Schriftstellers Guimarães Rosa über die Geschichte des São Francisco-Flusses “eine Geschichte voller Leid eines Flusses der seit über 500 Jahren Leben und Reichtum spendet” leider nur allzu gut.

Laut den Geschichtsbüchern – alle nach der portugiesischen Bedeckung (laut dem lateinamerikanischen Philosophen Enrique Dussel war es keine Eroberung, sondern Bedeckung von all dem was vor Ort existiert hat und in keiner Weise respektiert wurde) Brasiliens geschrieben – hat der Expeditionsleiter André Gonçalvez mit seiner Crew am 04. Oktober vor genau 513 Jahren, als er die brasilianische Küste entlangsegelte, die Flussmündung entdeckt. Zur Ehre und Feier des an diesem Tage verstorbenen Franz von Assisi taufte André Gonçalvez den Fluss mit seinem Namen: São Francisco. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Fluss unter der indigenen Bevölkerung unter dem Namen Opara (=Fluss-Meer) bekannt, und heute wird er allgemein liebevoll mit dem Namen Velho Chico gerufen.

Diese “offiziel anerkannte Version der Entdeckung” durch die portugiesischen Schiffahrer wird allerdings von Professor José Theodomiro Araujo widerlegt. Seinen Schriften zufolge liegt der Ursprung des São Franciscos-Flusses weit vor dieser Zeit zurück.

“Die Legende sagt, das der Ursprung des Velho Chico im Chapadão da Zagaia, in der Serra da Canastra auf ein indigenes Volk zurückzuführen ist. In dieser Zeit kam es zu einem grossen Krieg im Norden, und die Männer dieses indigenen Volkes beteiligten sich dabei. Darunter auch der junge Krieger und Verlobte von Yati. Die Anzahl der Krieger war so gross, dass sich auf dem Weg den sie durchkreuzten ihre Füsse einen regelrechten Graben in den Cerrado öffneten. Während des Konfliktes verschwand Yati´s Verlobter spurlos. Darauf hin suchte die verzweifelte Yati täglich den selben Ort am Rande des Grabens auf und weinte unaufhörlich. Diesen Tränen, die in den Graben fielen formten in weiterer Folge den São Francisco”.

Während es was den Ursprung betrifft mehrere Geschichten und Legenden gibt, ist der Velho Chico heute ohne Zweifel eine der wichtigsten Lebensadern im Nordosten Brasiliens. Er entspringt in der Serra da Canastra in Minas Gerais, und durchquert auf seiner Reise mehr als 500 Bezirke in 5 Bundesländern (Minas Gerais, Bahia, Pernambuco, Alagoas und Sergipte) verteilt über 2.863 km, bevor er in Piaçabuçu in den Atlantischen Ozean mündet.

Über 13 Millionen Menschen, viele davon Bauern und Fischer, leben im Flusstal und ihre Existenz ist direkt abhängig von diesem – mittlerweile von unzähligen Staudammprojekten, der expandierenden Agrarindustrie, neuen Bergbauprojekten und der umfangreich kritisierten Flussumleitung – viel geschundenen Fluss.

Die Nachrichten dieser Tage über die Situation sind mehr als alarmierend. Zeitungsberichten zufolge ist die Hauptquelle des Flusses zum ersten Mal überhaupt in seiner Geschichte ausgetrocknet. Dies ist vor allem auf die langanhaltende Trockenheit und Brandrodungen zurückzuführen. Dazu kommen Nachrichten von Pirapora (500km) flussabwärts wo in den nächsten Tagen zu erwarten ist das der Fluss zum völligen Stillstand kommt.

Seca no Velho Chico

Seien es die indigenen Krieger oder die “portugiesischen Entdecker” von damals, sei es die brasilianische Bevölkerung im allgemeinen, alle hätten sich wahrscheinlich nie gedacht, das der weit über seine Grenzen hinaus bekannten Velho Chico an seinem 513. Namenstag mehr den je unter dem respektlosen Umgang zu leiden hat. Wie es scheint haben wir, gesegnet vom Wasser dieser Lebensader, nicht viel von seinem Vater, Franz von Assisi, dem Schutzpatron von Umwelt und Ökologie gelernt.

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