Vom Schmerz der Erinnerung

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Es kommt immer wieder zu Begegnungen mit Menschen, die es einem schwer machen einfach wieder zum Alltag überzugehen. Das ist meines Erachtens auch gut so! Für mich sind diese Begegnungen immer wieder ein Privileg in meinem Alltag. Viele unserer Probleme und Freuden erscheinen dann in einem anderen Licht. Oder mit anderen Worten gesagt, unsere “Routine” des täglichen Lebens kommt ein bisschen durcheinander und viele scheint’s wichtige Dinge, können zu Nebensächlichkeiten verkommen.

Brotas de Macaúbas, eine kleine Stadt im Hinterland von Bahia, knappe 600km entfernt von der Bundeshauptstadt Salvador, liegt für brasilianische Verhältnisse in den Bergen. Die karge schwer bewirtschaftbare und steinige Landschaft fordert von den Einheimischen viel Geduld und Beharrlichkeit.

Auf dem mit Steinen gepflasterten Hauptplatz, gleich neben der imposanten Kirche aus dem Jahr 1755 sitzen ein paar ältere Männer in einer Runde und spielen Domino. Darunter auch Olderico Barreto, ein hagerer, großer, mittlerweile über 60 Jahre und eigentlich recht unscheinbarer Mann. Ich habe mich mit ihm verabredet, denn er ist einer der wenigen Zeitzeugen der düsteren Jahre der brasilianischen Militärdiktatur die auch hier offene Wunden hinterlassen haben.

Wir kommen schnell ins Gespräch und er erzählt mir angeregt von seinem Leben – geprägt von dem, wie er es nennt – der größten “Menschenjagd” durch das Militärregime, die ihm selbst fast das Leben gekostet hat.

Man schrieb das Jahr 1971, wenige Monate nach dem der Ex-Offizier Carlos Lamarca – Deserteur des brasilianischen Heeres und Gegner des Militärregimes – hier in den Bergen von Brotas de Macaúbas, im Dorf Buriti Cristalina, auf Anregung der Direktion des MR-8 (=Revolutionsbewegung vom 8. Oktober), bei Zequinha, Bruder von Olderico – Unterschlupf fand, als das Militär hier eine noch nie da gewesene Welle von Terror und Gewalt verbreitete.

Oldericko selbst engagierte wie sein Bruder im Kampf gegen die Diktatur. Er war damals kaum über 20 Jahre alt, und seine tägliche Aufgabe war es, Lamarca und Zequinha in ihrem Versteck in den Bergen mit dem überlebensnotwendigen Wasser und Essen zu versorgen.

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Elternhaus von Olderico Barreto, Buriti Cristalino

Doch nach nur zwei Monaten, bekam das Militär zugetragen, wo sich Lamarca und Zequinha versteckt hielten. Darauf hin, am 26. August 1971, unter Einsatz von hunderten von Soldaten, drei Helikoptern und scharfen Geschützen stürmen sie das kleine Bauerndorf Buriti Cristalina. Oldericos anderer Bruder Otoniel wird auf dem Versuch der Flucht mit unzähligen Schüssen in den Rücken kaltblütig erschossen. Vater José in seinem eigenen Haus brutal gefoltert und Olderico, der dies alles schwer verwundet selbst mit ansehen musste, wird misshandelt und festgenommen. Trotz brutalster Folter, gelingt es dem Militär nicht, etwas vom Versteck von Lamarca und Zequinha aus ihnen herauszuprügeln. Den beiden gelingt die Flucht und das Militär kehrt vorerst unverrichteter Dinge zurück nach Brotas de Macaúbas.

Olderico selbst wird zum Gefangenen des Regimes. Er wird zuerst für 40 Tage in ein Militärkrankenhaus in Salvador eingeliefert. Anschließend fristet er während sieben Monaten in einer Einzelzelle und dann noch weitere gute drei Jahre im Gefängnis.

Vom Tod seines Bruders Zequinha und Lamarcas erfährt er erst Monate darauf. Die beiden wurden auf ihrer Flucht von einem Bauern erkannt, der sie verriet. Beide wurden am 17. September 1971 im Dorf Pintada, an der Grenze des Bezirks Brotas de Macaúbas von den Offizieren erschossen. Ihre bereits leblosen Körper wurden vom Militär nach Brotas de Macaúbas gebracht und als Trophae auf dem Hauptplatz der Stadt vorgeführt. Die Erinnerungen an diese schrecklichen Tage sind heute noch in den Köpfen der Bevölkerung präsent und niemand spricht gerne über das was sich hier vor bereits gut 40 Jahren ereignete.

Nicht so Oldericko. Gemeinsam mit ein paar ihm Vertrauten, erzählt er seine/ihre Geschichte immer und immer wieder. Der Verlust seiner zwei Brüder, die Folter, die Monate lang andauernde Einzelhaft, die Jahre im Gefängnis haben ihm nicht den Mut genommen sich für eine bessere Welt einzusetzen. Sein Elternhaus in Buriti Cristalina – in dem er die Stunden des Terrors miterleben musste und dabei fast sein Leben verlor – möchte er in ein Museum umwidmen.

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Memorial dos Mártires, Pintada

In Pintada, wo Lamarca und Zequinha Wochen später erschossen wurden, hat er mitgeholfen ein Memorial, das für immer an diese Zeit erinnern soll, zu errichten. Eines allerdings fehlt noch im Memorial, denn von den Körpern von Otoniel, Zequinha e Lamarca fehlt bis heute noch jede Spur. Doch Olderico hat nicht aufgehört in den Archiven des Militärs zu suchen. Er zeigt mir noch den Ort mitten im Memorial, wo die sterblichen Überreste der Opfer der Junta für immer ihre Ruhe finden sollen. Bis dahin wird Olderico nicht ruhen seine Geschichte zu erzählen.

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