Zwei kleine Helden!

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Lucas (13) und Hector (11) teilen sich ihren Alltag wie zwei Brüder. Sie sind Cousins und gemeinsam wohnen sie bei ihrer Großmutter auf dem Land, weit abgeschieden von der nächstgelegenen Stadt Barra (480 km von der Bundeshauptstadt Salvador). Eigentlich, so erzählen sie mir fehlt es ihnen an nichts. Sie spielen gerne Fußball, helfen bei der Feldarbeit und seit Anfang Februar – da gingen die großen Ferien zu Ende – sollten sie wieder täglich in der Schule sein.

Wie sie mir versichern, gehen sie gerne in die Schule, auch wenn sie dort mit ziemlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und es schon vorgekommen ist, dass sie die Klasse wiederholen mussten. Ihre Großmutter, die selbst nie die Möglichkeit hatte eine Schule zu besuchen, kann sie bei den Hausaufgaben nicht wirklich unterstützen. Ihr Weg zur Schule, der Unterricht und der anschließende Nachhauseweg sind mit ziemlichen Hürden verbunden.

Gemeinsam treffe ich die beiden in der glutheißen Mittagssonne, kurz nach 11 Uhr Vormittag, auf einem staubigen Feldweg mit ihrem Schulzeug unter den Armen. Sie sind auf dem Weg in die Schule. Auf meine Frage nach dem Schulbus antwortet mir Lucas mit den einfachen Worten: „der Verantwortliche weigert sich wegen der schlechten Feldstraßen die große Runde zu drehen und an unserem Haus vorbei zu fahren.“ Somit müssen sie sich gegen 11 Uhr, nach einem hastigen Mittagessen, gleich auf den Weg machen und gute 40 Minuten durch die Sonne trampeln bis zu dem Haus von Freunden an dem der Schulbus vorbeikommt.

Einmal dort angekommen geht das lange Warten los. „Wir wissen nie wirklich ob der Bus auch kommt, denn die alte Kiste ist mehr kaputt als das sie fährt“ erzählt mir Hector. Wie oft dies in den letzten Wochen seit Schulbeginn schon passiert ist können sie mir nicht sagen. Sie haben aufgegeben die Tage an denen sie unverrichteter Dinge nach hause zurückkehren zu zählen.

An den Tagen allerdings an denen sich ihre Mühe lohnt, geht es dann mit dem Schulbus über den schlechten Feldweg dahin bis zum nächsten Dorf in die Schule. Manchmal erzählt mir Hector: „wird mir im Auto schwarz vor Augen, vor allem wenn ich vorher nicht richtig zu Mittag gegessen habe.“ Daraufhin frage ich ihn, ob er sich denn dann auf den Unterricht konzentrieren kann? Ich weiß, eigentlich hätte ich mir diese Frage schenken können, aber er antwortet mir mit leisen Worten: „letztes Jahr gab es zumindest in der Pause eine Jause für alle, dieses Jahr allerdings gibt es nicht nur keine Jause, sondern nicht einmal sauberes Wasser zum trinken.“ Für viele der SchülerInnen ist die Jause ein wichtiger Grund die Schule zu besuchen, weil in vielen Familien zu Hause zu wenig auf den Tisch kommt. In diesem Fall heißt dies, das Hector, Lucas und seine MitschülerInnen in dieser Hitze über mehrere Stunden ohne Jause und Wasser auskommen müssen. Lucas, der ältere der Beiden erzählt weiter: „Wir haben täglich nur drei Schulstunden, anschließend schickt uns die Lehrerin nach Hause.“

Auf meinem Nachhauseweg, über 12 Stunden im eisgekühlten Überlandbus muss ich noch öfter über die zwei Helden nachdenken. Sie stehen für viele Kinder und Jugendlichen denen auf diese Art und Weise, ganz im Gegensatz der intensiven Werbetrommel der Regierungen und der altbekannten Wahlkampagnenslogans „Bildung für Alle“, ihre Grundrechte und eine bessere Zukunft aberkannt werden.

 

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Ein Kommentar zu “Zwei kleine Helden!

  1. Lieber Thomas – ich lese täglich (immer) Deine Berichte. Diese interessieren mich sehr
    und ich bin froh, daß Deine immer aktuellen Berichte veröffentlicht werden. Unsere
    Zeitgenossen in Deutschland wissen ja nicht, was alles in der Welt und besonders in
    Südamerika alles los ist. Ich selbst habe mit meinen Freunden eine Schule in Bra-
    silein gebaut, in der Nähe des berühmten und ebenso berüchtigten Staudammes in
    Sobradinho / Bahia. 2009 haben wir mit der Schule das 20jährige Bestehen gefeiert .
    Auch ich habe unglaublich schöne – aber auch enttäuschende Erlebnisse gehabt.
    Interessieren Dich meine Erlebnisse ? – Oder willst Du Dich lieber auf Eigenes be-
    schränken ? Auch das könnte ich verstehen.
    Wie auch immer – Deine Berichte sind wichtig.
    Waldemar Schulz – Adr. <jugend.welt-w.schulz@t-online.de

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