Deutscher Musterkonzern VW steht in Brasilien mit dem Rücken zur Wand

Quelle: WIKIMEDIA COMMONS/CC
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Europas Auto des Jahres 2015 steht fest. Es handelt sich um den altbekannten VW Passat, einer der erfolgsreichsten Mittelklassewagen der Welt. Während der Preisverleihung erklärte VW-Konzernchef Martin Winterkorn: „Wir sind sehr stolz. Diese Auszeichnung ist eine großartige Bestätigung für die Arbeit unserer Ingenieure, Designer und der gesamten Mannschaft. Der neue Passat zeigt, dass die Marke Volkswagen die richtigen Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit gibt“. Es war dies bereits der dritte Titel des „Car of the year“ innerhalb der letzten sechs Jahre.

Trotz der neuerlichen Auszeichnung scheinen die Maschinenräder des Musterkonzerns aber nicht ganz so rund zu laufen wie es derzeit aussieht. Am vergangenen Freitag, den 27. Februar mussten sich nämlich Vertreter des Vorstandes der brasilianischen Niederlassung von VW den Fragen der Wahrheitskommission im Landesparlament von São Paulo unterziehen.

Es handelte sich dabei um die erste Anhörung über die – wie bereits von der Agentur Reuters berichtet wurde – nachgewiesene Tatsache, dass die Konzernverantwortlichen von VW während der brasilianischen Militärdiktatur (1964 – 1985), Informationen ihrer Mitarbeiter an das Regime weiterleiteten. Dokumente dieser „schwarzen Liste“ wurden in den Archiven des DOPS vor einigen Monaten gefunden und in den Medien veröffentlicht.

Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass der deutsche Musterkonzern seine Mitarbeiter seinerzeit schlicht und ergreifend ausspionierte. In den als „vertraulich“ bezeichneten Dokumenten, die von Volkswagen an das brasilianische Militär weitergeleitet wurden, finden sich ausführliche Informationen, und auch prominente Namen ehemaliger Mitarbeiter des Konzerns. Von der Bespitzelung betroffen war damals auch der Gewerkschaftler und Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Unter anderem finden sich in den Dokumenten Hinweise auf geplante Streiks und Proteste, Lohnforderungen, Kennzeichen von Fahrzeugen der Überwachten sowie eine Anmerkung anlässlich der Ausstrahlung von Filmen mit sozialistischen „subversiven“ Informationen. Diesen von VW geführten „schwarzen Listen“ hatten Mitarbeiter – die sich in der Gewerkschaft organisierten – es auch Jahre später noch zu verdanken, dass sie in weiterer Folge kaum mehr mit einer Einstellung in einem anderen Konzern rechnen durften.

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VW hat aber nicht nur Mitarbeiter angeschwärzt. Es gibt zusätzliche Hinweise, dass Mitarbeiter auf dem eigenen Betriebsgelände verhaftet und misshandelt wurden. So berichtete einer der ehemaligen Mitarbeiter und prominentes Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens (=PCB) Lucio Bellentani während der Anhörung, dass kurz nach seiner Verhaftung systematisch weitere Mitarbeiter festgenommen wurden. Laut seiner Aussage wurden die Verhaftungen vom damaligen VW-Sicherheitschef Coronel Rudge persönlich veranlasst. Weiters merkte er abschließend an: „Es ist notwendig, dass diese Dinge bekannt werden und dass (die Firmen) endlich bestraft werden.“

Der anwesende Vertreter von Volkswagen do Brasil und leitender Manager für Rechtsangelegenheiten, Rogério Vargas, erklärte seinerseits, dass der Konzern derzeit die Dokumente analysiere. Im gleichen Zug betonte er allerdings laut Medienberichten, das bislang noch keine Dokumente gefunden wurden, die eine eindeutige Identifizierung der Firma als Kollaborateurin der Militärdiktatur zulasse: „Unsere Aufgabe liegt darin, gemeinsam mit den Kommissionen – mit Respekt und ausgewogen – zu lernen, was die Position der Firma war.“

So wie es scheint, hat der deutsche Musterkonzern Schwierigkeiten mit der Anerkennung der dreckigen Geschäfte und Verbrechen der Vergangenheit. Aus diesem Grund, und ganz zu recht, wurden die Aussagen von Vargas vom Vorsitzenden der Wahrheitskommission des Landesparlaments, Adriano Diego, scharf kritisiert. „Wenn sie hierher kommen, ganz ohne Informationen, ohne die Rolle anzuerkennen, die die Unternehmen spielten, dann lachen sie uns noch immer aus.“

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