Zwischen Hof und Viehtränke fährt jetzt die Eisenbahn

Seu Edízio Catarino

Der Bauer Seu Edízio Catarino, 63 Jahre, wohnt und arbeitet seit er sich erinnern kann auf dem Land. Gemeinsam mit anderen Familien wohnt er im Dorf Manoel Vicente, im Bezirk Caetité (645km von Bundeshauptstadt Salvador entfernt), im Bundesland Bahia. Seit über 35 Jahren ernährt er seine Familie mit der hofeigenen Produktion von Bohnen, Mais, Gemüse und einigen Früchten. „Klar gibt es manchmal Schwierigkeiten in den immer länger andauernden Trockenperioden, aber alles in allem fehlte es nie an dem notwendigsten.“ erzählt er mir.

Vor zwei Jahren hat sich seine – sowie von unzähligen weiteren Familien in den Nachbardörfern aus den Bezirken Barreiras bis Ilhéus – Lebenssituation allerdings radikal verändert. Was ist passiert?

Im Zuge des von der brasilianischen Regierung hoch angepriesenen Wirtschaftswachstumsprogramm, kurz PAC (=Programa de Aceleração da Crescimento), wurden sie damals von den Verantwortlichen der staatlichen Firma VALEC aufgesucht. Während der Besuche haben sie von den bereits beschlossenen Regierungsplänen einer neuen Eisenbahntrasse FIOL (=Ferrovia da Integração Oeste-Leste), ausschließlich für den Transport von Soja, Eisenerz, Pestizide,…), aufgeklärt. Die Verantwortlichen der VALEC baten sie ihnen zu vertrauen, denn sowie sie damals erwähnten, würden keine Probleme für die Anrainer dadurch entstehen und für alle Verbesserungen bringen.

In den letzten Monaten sind die Verheißungen wie Seifenblasen zerplatzt. Auf dem gemeinsam organisierten Treffen von uns (Mitarbeitern der Landpatoralkommission – CPT) und den Dorfgemeinschaften der Betroffenen lässt Seu Edízio seinem Frust freien Lauf. Denn so betont er: „Mein kleines Stück Land wurde von den Ingenieuren in der Mitte einfach geteilt um die Eisenbahntrasse zu errichten. Zuerst haben sie mir gesagt, dass nur ein kleiner Streifen von 50 Metern notwendig sei, aber dann haben sie sich ganze 120 Meter genommen.“ Dazu kommt, das die versprochenen Tunnels für seine Rinder die heute noch frei auf der Wiese weiden nicht errichtet wurden und die Tiere somit vom Hof und der Tränke getrennt sind. „Noch ist die Eisenbahnlinie nicht fertiggestellt und beidseitig nicht eingezäunt, somit kann ich meine Rinder noch zum Haus treiben, aber was soll ich später machen?“ Mehrmals hat Seu Edízio die Ingenieure schon auf diese Probleme angesprochen, aber dieselben geben ihm nur vage Auskunft und lassen ihn sprichwörtlich in der brütenden Hitze alleine stehen.

P1100941

Dies sind aber weit nicht die einzigen Probleme die sich für die Anrainer anhand des Baubeginns auf der sich über 1.500 km erstreckenden Trasse ergeben haben. So berichten andere auf dem Treffen anwesenden Bauern von ihren Zäunen die von schweren Baumaschinen einfach niedergefahren wurden. Aber auch von den neu entstandenen schweren Erosions-Schäden nach den letzten schweren Niederschlägen auf den für den Bau gerodeten Flächen sowie neu entstandenen Zufahrtsstrassen die große Mengen von Erde bewegt haben, und unzählige neu bebaute Felder mit Schlamm und Dreck bedeckten, ist die Rede. Zusätzlich wurden viele mühsam errichtete Wasserbecken wo Regenwasser aufgefangen wurde mit den sich bewegenden Erdmengen zugeschüttet.

Diesen kriminellen und absolut unverantwortlichen Umgang lassen sie allerdings nicht einfach über sich ergehen. Viele von ihnen haben bereits bei den politisch Verantwortlichen in ihren Bezirken vorgesprochen oder die Konflikte angezeigt. Allerdings, so betonen einige der Bauern, die politischen Verantwortlichen bevorzugen meist die Firma da sie mit neuen Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen rechnen.

Dies ist mit ein Grund warum sie heute hier auf dem Treffen anwesend sind. Denn hier, so erhoffen sie sich durch den gemeinsamen Austausch der Betroffenen aus mehreren Bezirken, ergeben sich neue Möglichkeiten um sich gemeinsam für ihre Rechte einzusetzen. Anhand ihres alltäglichen lokalen – aber nicht ausreichenden Widerstandes – sind sie sich heute bewusst, dass sie nur gemeinsam gegen diese unaufhörlich dampfenden Bauwalzen etwas ausrichten können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s