Von der Begegnung mit dem junggebliebenen Heilkundigen mit altem Wissen

©Thomas Bauer

Heilkundiger João Vicente da Costa/ Foto: Thomas Bauer

Meine Begegnung mit Seu João wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ich treffe den bereits über sechzig Jährigen der zugleich rastlos und sehr ausgeglichen wirkt in Goiás, mitten im brasilianischen Cerrado-Gebiet. Seu João wirkt auf mich wie ein junger, vor Kraft strotzender Mann. Gleich zu Beginn, nach dem ersten Handschlag, beginnt er mir wie ein frisch verliebter Teenager von all der Pflanzenvielfalt und Wichtigkeit dieses Ökosystems zu erzählen.

Der Mann der mir gegenüber steht hat bereits viele Hürden und Schwierigkeiten in seinem Leben überwunden. In Minas Gerais geboren, übersiedelte er mit sechs Jahren in den Cerrado im Bundesstaat Goiás. “Damals mussten wir von klein auf zuhause mit anpacken, das war ganz normal.” erzählt er mir von seiner Kindheit. Eine seiner Aufgaben dabei war die Älteren zu begleiten, wenn sie auszogen um Heilpflanzen, Kräuter und Wurzeln zu sammeln.

Viele der Heilkräfte der Pflanzen und Hausmittel die er heute verwendet kennt er somit seit jungen Jahren. Dieses Wissen bekam er überliefert von seiner Mutter und seiner Oma. Aber er hat sie lange Zeit nur im Verborgenen angewandt: “Ich hatte Angst und sprach nicht über die Heilkraft der Pflanzen den sie schimpften uns Scharlatane und Hexer. All unser Wissen war von der Gesellschaft in keiner Weise anerkannt.” Schlimmer noch – Seu João konnte zu dieser Zeit weder lesen noch schreiben – schimpften sie ihn als einen der nichts wusste und nichts konnte.

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Pastoraltreffen im Dorf São João do Alegre/ Foto: Thomas Bauer

Diese Situation änderte sich erst als er von Pater Francisco und der Diözese Goiás eingeladen wurde sich in der Pastoralarbeit zu engagieren. “Bei unseren ersten Pastoraltreffen habe ich mich geschämt und wollte nicht über mein Wissen erzählen. Erst mit der Zeit konnte ich meine Ängste abbauen.” Durch seine Initiative wurde in weiterer Folge ein Gemeinschaftsgarten in der Pfarre angelegt.

Dieser Garten, und seine Arbeit wurde aber weiterhin von den lokalen Autoritäten nicht geschätzt. “Wir hatten über 280 Heilpflanzen und die verschiedensten Gemüsesorten in unserem Garten, als der Bürgermeister alles zerstören lies.” Der damalige Bürgermeister wollte somit verhindern, dass dieses Wissen und eine bessere Ernährung die Leute unabhängiger macht. Zu dieser Zeit, gemeinsam mit Doktor Evandro und Pater Francisco, erzählt mir Seu João mit strahlenden Augen: “haben wir unzählige stark unterernährte Babys und Kleinkinder vor dem sicheren Tod gerettet. Leider konnte ich die Namen all der Kinder damals nicht aufschreiben.”

Diese Erfolge haben endgültig dazu beigetragen, das sich Seu João immer mehr in seine Pastoralarbeit und Naturheiler verliebte. Denn wie er selbst betont: “Pastoralarbeit bedeutet Menschen mit ihren Begabungen zu fördern, schlicht sie zu ermutigen und das Gute Leben zu fördern.” Die Anerkennung die er dabei erfahren hat, hat auch ihn verändert. Mit bereits 35 Jahren fand er den Weg zurück in die Schule. Dies konnte auch seine Professorin nicht verhindern, obwohl sie immer wieder betonte, er solle sich doch schämen, da er in seinem Alter noch nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. Umso grösser war die Freude als er dann seinen Abschluss feiern konnte: “Es war ein großer Traum von mir, der sich damals erfüllt hat.”

©Thomas Bauer

João Vicente erklärt und zeigt Heilpflanzen im Cerrado/ Foto: Thomas Bauer

Ein großer Traum, dem auch wir noch viel zu verdanken haben werden. Denn heute, als wir wie João durch den Cerrado laufen und er mir die verschiedenen Pflanzen und Wirkstoffe erklärt, hat er bereits über 1.000 Pflanzen katalogisiert. Seit einigen Jahren schreibt er an einer Enzyklopedie aus der vier Bücher entstehen sollen. Das Wissen und die Erfahrungen die er somit mündlich überliefert bekommen hat, werden somit als sein Erbe weiterleben und auch zukünftigen Generationen dienen.

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