Brasiliens Erde ist getränkt von Auftragsmorden

©Thomas Bauer

Foto: Thomas Bauer

Ich treffe Zilma im Garten des Hauses ihres Schwagers Manoel. Sie hat sich hierher zurückgezogen, weil sie es nicht mit ansehen will, wenn der Sarg mit ihrem Mann José Raimundo Mota de Souza Júnior, 38 Jahre, vom Leichenbestatter von der Obduktion gebracht wird. Während unserer langen und innigen Umarmung, bei der mir die Worte fehlen, sagt sie mehrmals: „Das hat Júnior nicht verdient, das hat er einfach nicht verdient.“ Júnior wurde vorgestern kaltblütig durch mehrere Schüsse ermordet.

Vor dem Haus von Manoel, im Bezirk Antônio Gonçalves/ Bahia, haben sich unzählige Freunde und Bekannte versammelt. Die Stimmung wechselt zwischen Wut, Empörung und Trauer. Manoel, sein älterer Bruder und einer der acht Geschwister von Júnior steht bei uns und ringt mit den Tränen. Er war gemeinsam mit Júnior auf dem Feld, als sich ein schwarzfarbenes Auto näherte und neben ihnen stehen blieb. Dann ging alles ganz schnell. Drei bewaffnete Männer steigen aus dem Auto: „Sie haben sofort auf meinen Bruder geschossen. Mich haben sie umgestossen, auf mich eingeschlagen und mir gedroht, mich umzubringen, falls ich mich wehre“, erzählt er uns mit leiser Stimme. Júnior war sofort tot. Während die Mörder ohne Eile den Tatort verlassen, schiessen sie noch mehrmals in die Luft.

Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen Auftragsmord handelt. Das schwarzfarbene Auto, erzählt mir Manoel später, ist in den letzten Wochen öfters vor unserem Haus vorbeigefahren. Doch da es sich bei der Strasse vor dem Haus durch das Dorf um eine Verbindungsstrasse zwischen zwei dicht befahrenen Bundesstrassen handelt, hätten sie sich nicht viel dabei gedacht. Fakt ist, am Todestag fuhren die Mörder direkt zum Haus von Júnior. Als sie ihn dort nicht antrafen, denn das Haus war verschlossen, fuhren sie direkt zum Feld, wo er mit seinem Bruder die angepflanzten Bohnenstauden bearbeitete. Die Mörder wussten also durch ihre bereits längere Beschattung genau Bescheid über seinen Tagesablauf.

José Raimundo Mota de Souza Júnior/ Foto: MPA

José Raimundo Mota de Souza Júnior/ Foto: MPA

Warum ein Auftragsmord? Júnior war Mitglied der Kleinbauernbewegung MPA und war bekannt in der Region. Er hat vielen Bauerngemeinschaften geholfen und sie in ihrem täglichen Überlebenskampf unterstützt. Gleichzeitig hat er sich für die Quilombolas (ehemalige schwarz-afrikanische Flüchtlinge) eingesetzt. Gemeinsam mit Familien aus seinem Dorf – das mit diesem Hintergrund entstand – setzen sie sich seit 15 Jahren dafür ein, ihr Territorium zurückzugewinnen. Erst vor kurzem waren die Regierungsbeamte des Nationalen Instituts für Kolonisierung und Agrarreform in der Region und das von ihnen beanspruchte Gebiet, ein Grossgrundbesitz von über 2000 ha., steht kurz vor der möglichen Enteignung.

Das war wahrscheinlich auch der ausschlaggebende Grund. Den wenn Fazendeiros kurz davor stehen, ihr Land und ihren Einfluss zu verlieren, dann bezahlen meist Bäuerinnen und Bauern mit ihrem Leben. Schon seit längerer Zeit kam es im Dorf selbst zu mehreren Drohungen gegenüber den Familien. Júnior selbst soll davon allerdings nie persönlich betroffen gewesen sein – oder er hat es gegenüber seine Frau Zilma und uns einfach verschwiegen. Von anderen aus der Gruppe wissen wir aber, dass sie sich anhand der Bedrohungen zurückgezogen haben. Sie hatten Angst um ihr Leben. Diese Angst war mehr als begründet. Denn vor gut einem Jahr, im April 2016, wurde im Nachbardorf Santana – ebenfalls ein Qilombola-Dorf – João Bigode ebenfalls kaltblütig am frühen Abend vor seiner Haustüre und den Augen seiner Familie erschossen. Bis heute kam es in diesem Zusammenhang zu keiner Festnahme, zu keiner Verhandlung oder Verurteilung der Verantwortlichen.

Es sind Júnior sowie die vier Bauern – Zé Menino aus dem Bundesstaat Piauí, Rosenildo Pereira de Almeida aus dem Bundesstaat Pará, Ademir de Souza Pereira aus dem Bundesstaat Rondônia und João da Cruz Abreu aus dem Bundesstaat Maranhão – die in den letzten Tagen auf Brasiliens Feldern brutal ermordet wurden. Insgesamt wurden in diesem so schrecklichen Jahr 2017 bislang 48 Bäuerinnen und Bauern umgebracht. Das sind nach diesen ersten Monaten so viel Menschen wie noch nie in den 35 Jahren in denen wir, die Landpastoralkomission, die Land- und Wasserkonflikte registrieren und die Zusammenhänge in einer Bilanz jährlich veröffentlichen. Die allgemein bekannte Straflosigkeit gilt dabei wie ein Freibrief. Oder, um es mit den Worten seines Bruders Manoel zu sagen: „Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Mörder meines Bruders nicht gefunden werden und niemand für den Mord bezahlen wird.“

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Ein Kommentar zu “Brasiliens Erde ist getränkt von Auftragsmorden

  1. Lieber Herr Bauer,
    ich bin immer sehr betroffen über Ihre Berichte und fühle mich so hilflos, wie muss es da erst Ihnen gehen!
    Gibt es irgendeine Möglichkeit, diese Ungeheuerlichkeiten bekannter zu machen, damit bei den Behörden Druck aufgebaut wird, diese Morde zu untersuchen und dadurch die Täter von weiteren Morden wenigstens aus Angst vor Strafe abzuhalten? Gibt es etwas, was die Familien unterstützen würde und ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie nicht ganz allein sind in ihrer Trauer?
    Ich habe in meinem Bekanntenkreis gemerkt, dass viele solche Berichte nicht aushalten, wenn sie „nur“ erfahren, was für schreckliche Dinge passieren, sie lesen das dann lieber gar nicht.
    Ich selbst bin froh, dass Sie durch Ihre Berichte die Toten wenigstens ein bisschen vor dem Vergessen bewahren, ich würde aber gerne auch den Angehörigen helfen, vielleicht haben Sie eine Idee dazu oder können mir ein Projekt empfehlen, das ich unterstützen kann.
    LG Elke Falk

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