Uran für Strom und Acker – Brasiliens zweite Uranmine bedroht Kleinbauern im Bundesstaat Ceará

Die Sonne steht bereits weit über dem Horizont als ich mich nach gut zwei Stunden Fahrtzeit, über einer staubaufwirbelnden schlechten Landstrasse, dem Dorf Morrinhos nähere. Morrinhos liegt inmitten eines Seitental, die Vegetation ist geprägt durch die bereits Jahre anhaltende Trockenheit. Obwohl, erzählt mir Seu Chicho, mein Begleiter: “Hier entspringen drei der wichtigsten Flüsse des Bundeslandes Ceará, der Aracaú, der Curú und der Barnabuiú.” Durch den ausgebliebenen Regen der letzten Jahren, sammelte sich in ihren Flussläufen allerdings schon lange kein Tropfen Wasser mehr.

IMG_9737Kurz vor der Ankunft im Dorf Morrinhos bleiben wir auf einer kleinen Anhöhe stehen. Seu Chico bittet mich auszusteigen. Genau dort – und er zeigt über das mit nur spärlichem Nass gefüllten kleinen Staubecken Quixaba – soll die neue Mine entstehen. Weniger als vier Kilometer vom Dorf entfernt. “Ich selbst war einer der grossen Befürworter der Mine. Sie haben uns Arbeit und bessere Lebensqualität versprochen. Wer will das nicht? Seitdem ich allerdings durch Euch (CPT – Landpastoralkommission), die Möglichkeit hatte, während eines Besuches in Caetité die vom Uranabbau betroffenen Familien zu besuchen habe ich meine Meinung radikal geändert.” Heute, so erzählt man sich im Tal, ist Seu Chico einer der grössten Widerstreiter des Projekts.

Das neue Minenprojekt im Bezirk Santa Quitéria, 250 Kilometer von Fortaleza entfernt, im Bundesland Ceará, beinhaltet eine gross angelegte Mine, in der jährlich 800 Tonnen Urankonzentrat, sowie grosse Mengen von Phosphat abgebaut werden sollen. Die für das Projekt Verantwortlichen sind die staatliche Atomfirma Indústrias Nucleares do Brasil, kurz INB, sowie die Galvani, einer der grössten Düngemittelproduzenten Brasiliens, mit ihrem mehrheitlichen Aktionär, dem norwegischen Konzern Yara.

planta Santa Quitéria

In Morrinhos angekommen werde ich herzlich von den restlichen Dorfbewohnern begrüsst. Einige kenne ich bereits von damals, als sie an dem von uns organisierten Besuch bei den von der Uranmine in Caetité, Bahia (habe hier schon mehrmals darüber berichtet und es gibt ein Video über die Situation) betroffenen Familien teilgenommen haben. Gemeinsam essen wir zu Mittag und sie erzählen mir, wie sie damals in den 1990er Jahren nach langem Widerstand und viel Ausdauer, dieses Gebiet über die Agrarreform vom brasilianischen Staat zugesprochen bekommen haben.

Seit damals hat sich viel verbessert. “Heute leben wir alle in gut gemauerten Häusern, haben unsere Regenwasserzisternen, bebauen unsere Felder und züchten Rinder, Ziegen und Schafe”, sagt Dona Maria. Stolz zeigen die Kleinbäuerinnen und -bauern von Morrinhos mir ihre Produktion der letzten Monate. Es fehlt nicht an Bohnen, Mais, Gemüse und Fleisch. Trotzdem sind in den letzten Jahren auch einige abgezogen, denn das Leben unter diesen Bedinungen hier ist hart. Vor allem das nicht ausreichend vorhandene Wasser bringt viele immer wieder in grosse Schwierigkeiten. Heute noch – nach gut 20 Jahren – sind die knapp 50 Familien abhängig von der Versorgung durch zusätzlich 28 Wassertankwagen pro Monat. Die PolitikerInnen haben ihr Versprechen, eine Wasserleitung zu bauen, noch immer nicht eingehalten.

Nun soll hier ein neues Bergbauwerk aus dem Boden gestampft werden. Seit 1975 gibt es hier Probebohrungen, doch die Bevölkerung wurde nie wirklich informiert, über welche Mineralien es sich handelte. Erst im Jahr 2008, als offiziell bekannt wurde, dass ab 2013 hier Urankonzentrat gefördert werden sollte, kamen Bedenken auf und es formierte sich der erste Widerstand.

Widerstand, der sich in den letzten Jahren unter Mithilfe der CPT gut vernetzt und organisiert hat. Vor allem den StudentInnen und ProfessorInnen der öffentlichen Universität Ceará, organisiert im Núcleo TRAMAS, ist es zu verdanken, dass heute viele notwendige Informationen unter der Bevölkerung gestreut sind. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung wurde die damals vorgelegte Umweltverträglichkeitsprüfung analysiert und anhand der Ungereimtheiten, und von denen gibt es einige, Proteste eingelegt.

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So zum Beispiel war in der öffentlichen Anhörung, wo die Umweltverträglichkeitsprüfung von den Verantwortlichen präsentiert wurde, nur von 16 betroffenen Dörfern die Rede. Nach genauerer Untersuchungen handelt es sich laut Rafael, einem der Studenten des Núcleo Tramas, allerdings um weit mehr. Denn insgesamt sind die BewohnerInne von 156 Dörfer direkt betroffen. Schlimmer noch: “Drei der grössten Flusstäler sind vom Projekt betroffen. Quer durch das Staubecken Quixaba soll eine über 90 Meter hohe Staumauer für das Abwasserbecken errichtet werden und für den Betrieb sind Wassermengen von gegenwärtig 115 Wassertankwagen pro Stunde erforderlich”, erzählt er im Interview.

Besonders verunsichert die Bevölkerung aber die zuvor stehende radioaktive Belastung. In diesem Zusammenhang geht es allerdings nicht nur um die Radonbelastung in der Luft, die sich auf den Dächern und Felder ablagert und somit ins Trinkwasser gelangen könnte. Denn auch das Phosphat für den Düngemitteleinsatz soll aus dem gleichen Gestein mit dem Namen “colofanito uranífero” gewonnen werden. Die Trennung des Urans und Phosphat wird durch den Einsatz von grossen Mengen der äußerst agressiven Schwefelsäure ermöglicht. Die ersten nicht-industriellen Versuche, durchgeführt in der Universität von São Paulo (USP), wurden mittlerweile wegen der Kontaminierung und extrem giftiger Abwässer wieder abgebrochen.

In diesem Zusammenhang ist noch nicht genau klar, mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist. Allerdings, wenn man sich vorstellt, dass in Zukunft die Agrarwirtschaft in Brasilien grossflächig Düngemittel und Tierfutter einsetzen wird, die “radioaktives” Phosphat beinhalten, ist dies mit Sicherheit sehr bedenklich. Weiters gibt es in diesem Zusammenhang auch gesetzliche Vorschreibungen, die von den Verantwortlichen umgangen werden. Den laut brasilianischer Verfassung darf Uran nur von einem staatlichen Unternehmen, in diesem Fall der INB, abgebaut werden. Allerdings soll laut der Umweltverträglichkeitsprüfung der Separationsprozess von Uran und Phosphat vom privaten Konzern Galvani (Yara) übernommen werden. Wenn dies der Fall wäre, würde dies eindeutig gegen die eigene Verfassung verstossen.

Trotz aller Unklarheiten und ausstehenden Antworten soll nun im August die erste Stufe des Lizenzverfahrens durchgehen. Der Bevölkerung ist allerdings bewusst, das dies nur ein Etappensieg für die Konzerne und brasilianische Regierung wäre, denn so einfach lassen sich die AnwohnerInnen nicht unterkriegen.

Gegen Widerstände der lokalen Bevölkerung weitet Brasilien Uranabbau nach Ceará aus

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Wenn es um Uranabbau und den anschließenden Verarbeitungsprozess des Uranerzkonzentrates “Yellow Cake” geht, verbinden uns – so scheint es mir zumindest – überall auf der Welt, sei es im Niger, Frankreich, Brasilien oder sonstigen Ländern, ähnlich Probleme. Vor allem die absolut fehlende Transparenz und der äußerst unverantwortliche und vielfach kriminelle Vorgang gegenüber den lokalen Bevölkerungsgruppen von Seiten der Politik mit ihren Lobbyisten in Zusammenarbeit mit staatlichen Konzernen wie AREVA, URENCO, INB, … die sich dabei hohe Gewinne und geopolitischen sowie militärischen Einfluss versprechen, sind milde ausgedrückt einfach unverschämt.

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Nebenan – Tagebau in Sichtweite der Dörfer

veröffentlicht in der Zeitschrift des informationszentrum 3.welt, Nr. 344 – Globale Geschäfte mit Uran

Tagebau - iz3w344 Seite 23-24

Tagebau2 - iz3w344 Seite 23-24

Wann werden wir endlich die Wahrheit über die Konsequenzen der Strahlenbelastung erfahren?

Die letzten Tage drehte sich bei uns alles um den Uranabbau, sowie die gravierenden Konsequenzen für die lokale Bevölkerung in der Umgebung der einzig in Betrieb befindlichen aktiven Uranmine Lateinamerikas. Gemeinsam mit Bruno Chareyron, Leiter der französischen NGO CRIIRAD (Commission for Independent Research and Information about RADiation), Marcelo Firpo und Renan Finamore des staatlichen Institutes Fiocruz, den Mitgliedern der Umweltkommission der Pfarre Caetité sowie den CPT Mitarbeitern hatten wir ein volles Programm.

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Die ersten zwei Tage waren gefüllt mit einem sehr interessanten Workshop der von Bruno geleitet wurde. Hier gab es für die AnrainerInnen der Uranmine und für einige MitarbeiterInnen der INB (Industrias Nucleares do Brasil) die Möglichkeit mehr über die entstehenden Gefahren beim Urannabbau, die Radioaktivität und Radonbelastung zu erfahren. Im zweiten praktischen Teil des Workshops ging es um die Möglichkeiten der Überwachung und wie sich die lokale Bevölkerung schützen kann. Die TeilnehmerInnen haben dabei gelernt wie man mit verschiedenen Messgeräten die Strahlenbelastung (alpha, beta und gamma) messen kann. Im Anschluss an den Workshop wurden die Geräte von Bruno an die Gemeinden, ArbeiterInnen und Pfarre übergeben. Somit besteht für uns nun die Möglichkeit die Messungen selbst durchzuführen.

In den zwei darauf folgenden Tagen sind wir ähnlich wie bei Brunos erstem Besuch das Gebiet und die Dörfer rund um die Uranmine abgefahren um Messungen vorzunehmen. Die Ergebnisse waren dabei neuerlich erschreckend. Waren die Messungen vor zwei Jahren in Riacho da Vaca sechs bis acht mal höher als erlaubt, haben wir diesmal am Strassenrand stark uranbelastetes Material entdeckt.

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Laut den lokalen AnrainernInnen wurde dieses Material von der INB verwendet als die Zufahrtstrasse errichtet wurde. Die ersten Messungen haben eine Strahlenbelastung von bis zum zehnfachen über dem Grenzwert ergeben. Für Bruno war diese Situation übrigens nicht neu, den laut seiner Auskunft wurde verstrahltes Material in den 90-Jahren auch in Frankreich für diese Zwecke verwendet.

Am letzten Tag unseres intensiven Programms kam es noch zu einer von uns einberufenen öffentlichen Debate in den Räumlichkeiten der lokalen Universität. Hier gab es für die lokale Bevölkerung zum ersten Mal die Möglichkeit, mehr über die vorläufigen Ergebnisse der vor zwei Jahren initiierten Studie, in Zusammenarbeit mit CRIIRAD und dem staatlichen Institut Fiocruz, über die Anzahl der Krebserkrankungen und der Strahlenbelastung zu erfahren.

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Für viele der Anwesenden waren die Ergebnisse sehr erschreckend und sie waren sichtlich schockiert. An verschiedenen Orten an denen wir Messungen durchführten waren die Ergebnisse weit über dem Grenzwert. Dazu kommt, dass die Messergebnisse sich nur auf die Strahlenbelastung der Erde, des Wassers und der Luft bezieht, nicht aber auf landwirtschaftlichen Produkte aus dem Umkreis, die von der Stadtbevölkerung täglich auf dem Mittagstisch verzehrt werden. Im Anschluss haben die Mitarbeiter vom staatlichen Institut Fiocruz über die ersten Anzeichen der Erhöhung der Krebsrate gesprochen. Davon betroffen sind vor allem Kleinkinder und Jugendliche.

Leider, trotz unserer Einladung, wollten sich die Verantwortlichen der staatlichen Uranfirma INB neuerlich nicht über die Probleme und momentane Situation äussern. Ihrerseits versuchen sie den Vorwürfen aus dem Weg zu gehen und ködern die Bevölkerung mit Versprechungen und kleinen finanziellen Unterstützungen.