Uran für Strom und Acker – Brasiliens zweite Uranmine bedroht Kleinbauern im Bundesstaat Ceará

Die Sonne steht bereits weit über dem Horizont als ich mich nach gut zwei Stunden Fahrtzeit, über einer staubaufwirbelnden schlechten Landstrasse, dem Dorf Morrinhos nähere. Morrinhos liegt inmitten eines Seitental, die Vegetation ist geprägt durch die bereits Jahre anhaltende Trockenheit. Obwohl, erzählt mir Seu Chicho, mein Begleiter: “Hier entspringen drei der wichtigsten Flüsse des Bundeslandes Ceará, der Aracaú, der Curú und der Barnabuiú.” Durch den ausgebliebenen Regen der letzten Jahren, sammelte sich in ihren Flussläufen allerdings schon lange kein Tropfen Wasser mehr.

IMG_9737Kurz vor der Ankunft im Dorf Morrinhos bleiben wir auf einer kleinen Anhöhe stehen. Seu Chico bittet mich auszusteigen. Genau dort – und er zeigt über das mit nur spärlichem Nass gefüllten kleinen Staubecken Quixaba – soll die neue Mine entstehen. Weniger als vier Kilometer vom Dorf entfernt. “Ich selbst war einer der grossen Befürworter der Mine. Sie haben uns Arbeit und bessere Lebensqualität versprochen. Wer will das nicht? Seitdem ich allerdings durch Euch (CPT – Landpastoralkommission), die Möglichkeit hatte, während eines Besuches in Caetité die vom Uranabbau betroffenen Familien zu besuchen habe ich meine Meinung radikal geändert.” Heute, so erzählt man sich im Tal, ist Seu Chico einer der grössten Widerstreiter des Projekts.

Das neue Minenprojekt im Bezirk Santa Quitéria, 250 Kilometer von Fortaleza entfernt, im Bundesland Ceará, beinhaltet eine gross angelegte Mine, in der jährlich 800 Tonnen Urankonzentrat, sowie grosse Mengen von Phosphat abgebaut werden sollen. Die für das Projekt Verantwortlichen sind die staatliche Atomfirma Indústrias Nucleares do Brasil, kurz INB, sowie die Galvani, einer der grössten Düngemittelproduzenten Brasiliens, mit ihrem mehrheitlichen Aktionär, dem norwegischen Konzern Yara.

planta Santa Quitéria

In Morrinhos angekommen werde ich herzlich von den restlichen Dorfbewohnern begrüsst. Einige kenne ich bereits von damals, als sie an dem von uns organisierten Besuch bei den von der Uranmine in Caetité, Bahia (habe hier schon mehrmals darüber berichtet und es gibt ein Video über die Situation) betroffenen Familien teilgenommen haben. Gemeinsam essen wir zu Mittag und sie erzählen mir, wie sie damals in den 1990er Jahren nach langem Widerstand und viel Ausdauer, dieses Gebiet über die Agrarreform vom brasilianischen Staat zugesprochen bekommen haben.

Seit damals hat sich viel verbessert. “Heute leben wir alle in gut gemauerten Häusern, haben unsere Regenwasserzisternen, bebauen unsere Felder und züchten Rinder, Ziegen und Schafe”, sagt Dona Maria. Stolz zeigen die Kleinbäuerinnen und -bauern von Morrinhos mir ihre Produktion der letzten Monate. Es fehlt nicht an Bohnen, Mais, Gemüse und Fleisch. Trotzdem sind in den letzten Jahren auch einige abgezogen, denn das Leben unter diesen Bedinungen hier ist hart. Vor allem das nicht ausreichend vorhandene Wasser bringt viele immer wieder in grosse Schwierigkeiten. Heute noch – nach gut 20 Jahren – sind die knapp 50 Familien abhängig von der Versorgung durch zusätzlich 28 Wassertankwagen pro Monat. Die PolitikerInnen haben ihr Versprechen, eine Wasserleitung zu bauen, noch immer nicht eingehalten.

Nun soll hier ein neues Bergbauwerk aus dem Boden gestampft werden. Seit 1975 gibt es hier Probebohrungen, doch die Bevölkerung wurde nie wirklich informiert, über welche Mineralien es sich handelte. Erst im Jahr 2008, als offiziell bekannt wurde, dass ab 2013 hier Urankonzentrat gefördert werden sollte, kamen Bedenken auf und es formierte sich der erste Widerstand.

Widerstand, der sich in den letzten Jahren unter Mithilfe der CPT gut vernetzt und organisiert hat. Vor allem den StudentInnen und ProfessorInnen der öffentlichen Universität Ceará, organisiert im Núcleo TRAMAS, ist es zu verdanken, dass heute viele notwendige Informationen unter der Bevölkerung gestreut sind. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung wurde die damals vorgelegte Umweltverträglichkeitsprüfung analysiert und anhand der Ungereimtheiten, und von denen gibt es einige, Proteste eingelegt.

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So zum Beispiel war in der öffentlichen Anhörung, wo die Umweltverträglichkeitsprüfung von den Verantwortlichen präsentiert wurde, nur von 16 betroffenen Dörfern die Rede. Nach genauerer Untersuchungen handelt es sich laut Rafael, einem der Studenten des Núcleo Tramas, allerdings um weit mehr. Denn insgesamt sind die BewohnerInne von 156 Dörfer direkt betroffen. Schlimmer noch: “Drei der grössten Flusstäler sind vom Projekt betroffen. Quer durch das Staubecken Quixaba soll eine über 90 Meter hohe Staumauer für das Abwasserbecken errichtet werden und für den Betrieb sind Wassermengen von gegenwärtig 115 Wassertankwagen pro Stunde erforderlich”, erzählt er im Interview.

Besonders verunsichert die Bevölkerung aber die zuvor stehende radioaktive Belastung. In diesem Zusammenhang geht es allerdings nicht nur um die Radonbelastung in der Luft, die sich auf den Dächern und Felder ablagert und somit ins Trinkwasser gelangen könnte. Denn auch das Phosphat für den Düngemitteleinsatz soll aus dem gleichen Gestein mit dem Namen “colofanito uranífero” gewonnen werden. Die Trennung des Urans und Phosphat wird durch den Einsatz von grossen Mengen der äußerst agressiven Schwefelsäure ermöglicht. Die ersten nicht-industriellen Versuche, durchgeführt in der Universität von São Paulo (USP), wurden mittlerweile wegen der Kontaminierung und extrem giftiger Abwässer wieder abgebrochen.

In diesem Zusammenhang ist noch nicht genau klar, mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist. Allerdings, wenn man sich vorstellt, dass in Zukunft die Agrarwirtschaft in Brasilien grossflächig Düngemittel und Tierfutter einsetzen wird, die “radioaktives” Phosphat beinhalten, ist dies mit Sicherheit sehr bedenklich. Weiters gibt es in diesem Zusammenhang auch gesetzliche Vorschreibungen, die von den Verantwortlichen umgangen werden. Den laut brasilianischer Verfassung darf Uran nur von einem staatlichen Unternehmen, in diesem Fall der INB, abgebaut werden. Allerdings soll laut der Umweltverträglichkeitsprüfung der Separationsprozess von Uran und Phosphat vom privaten Konzern Galvani (Yara) übernommen werden. Wenn dies der Fall wäre, würde dies eindeutig gegen die eigene Verfassung verstossen.

Trotz aller Unklarheiten und ausstehenden Antworten soll nun im August die erste Stufe des Lizenzverfahrens durchgehen. Der Bevölkerung ist allerdings bewusst, das dies nur ein Etappensieg für die Konzerne und brasilianische Regierung wäre, denn so einfach lassen sich die AnwohnerInnen nicht unterkriegen.

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Nebenan – Tagebau in Sichtweite der Dörfer

veröffentlicht in der Zeitschrift des informationszentrum 3.welt, Nr. 344 – Globale Geschäfte mit Uran

Tagebau - iz3w344 Seite 23-24

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Wann werden wir endlich die Wahrheit über die Konsequenzen der Strahlenbelastung erfahren?

Die letzten Tage drehte sich bei uns alles um den Uranabbau, sowie die gravierenden Konsequenzen für die lokale Bevölkerung in der Umgebung der einzig in Betrieb befindlichen aktiven Uranmine Lateinamerikas. Gemeinsam mit Bruno Chareyron, Leiter der französischen NGO CRIIRAD (Commission for Independent Research and Information about RADiation), Marcelo Firpo und Renan Finamore des staatlichen Institutes Fiocruz, den Mitgliedern der Umweltkommission der Pfarre Caetité sowie den CPT Mitarbeitern hatten wir ein volles Programm.

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Die ersten zwei Tage waren gefüllt mit einem sehr interessanten Workshop der von Bruno geleitet wurde. Hier gab es für die AnrainerInnen der Uranmine und für einige MitarbeiterInnen der INB (Industrias Nucleares do Brasil) die Möglichkeit mehr über die entstehenden Gefahren beim Urannabbau, die Radioaktivität und Radonbelastung zu erfahren. Im zweiten praktischen Teil des Workshops ging es um die Möglichkeiten der Überwachung und wie sich die lokale Bevölkerung schützen kann. Die TeilnehmerInnen haben dabei gelernt wie man mit verschiedenen Messgeräten die Strahlenbelastung (alpha, beta und gamma) messen kann. Im Anschluss an den Workshop wurden die Geräte von Bruno an die Gemeinden, ArbeiterInnen und Pfarre übergeben. Somit besteht für uns nun die Möglichkeit die Messungen selbst durchzuführen.

In den zwei darauf folgenden Tagen sind wir ähnlich wie bei Brunos erstem Besuch das Gebiet und die Dörfer rund um die Uranmine abgefahren um Messungen vorzunehmen. Die Ergebnisse waren dabei neuerlich erschreckend. Waren die Messungen vor zwei Jahren in Riacho da Vaca sechs bis acht mal höher als erlaubt, haben wir diesmal am Strassenrand stark uranbelastetes Material entdeckt.

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Laut den lokalen AnrainernInnen wurde dieses Material von der INB verwendet als die Zufahrtstrasse errichtet wurde. Die ersten Messungen haben eine Strahlenbelastung von bis zum zehnfachen über dem Grenzwert ergeben. Für Bruno war diese Situation übrigens nicht neu, den laut seiner Auskunft wurde verstrahltes Material in den 90-Jahren auch in Frankreich für diese Zwecke verwendet.

Am letzten Tag unseres intensiven Programms kam es noch zu einer von uns einberufenen öffentlichen Debate in den Räumlichkeiten der lokalen Universität. Hier gab es für die lokale Bevölkerung zum ersten Mal die Möglichkeit, mehr über die vorläufigen Ergebnisse der vor zwei Jahren initiierten Studie, in Zusammenarbeit mit CRIIRAD und dem staatlichen Institut Fiocruz, über die Anzahl der Krebserkrankungen und der Strahlenbelastung zu erfahren.

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Für viele der Anwesenden waren die Ergebnisse sehr erschreckend und sie waren sichtlich schockiert. An verschiedenen Orten an denen wir Messungen durchführten waren die Ergebnisse weit über dem Grenzwert. Dazu kommt, dass die Messergebnisse sich nur auf die Strahlenbelastung der Erde, des Wassers und der Luft bezieht, nicht aber auf landwirtschaftlichen Produkte aus dem Umkreis, die von der Stadtbevölkerung täglich auf dem Mittagstisch verzehrt werden. Im Anschluss haben die Mitarbeiter vom staatlichen Institut Fiocruz über die ersten Anzeichen der Erhöhung der Krebsrate gesprochen. Davon betroffen sind vor allem Kleinkinder und Jugendliche.

Leider, trotz unserer Einladung, wollten sich die Verantwortlichen der staatlichen Uranfirma INB neuerlich nicht über die Probleme und momentane Situation äussern. Ihrerseits versuchen sie den Vorwürfen aus dem Weg zu gehen und ködern die Bevölkerung mit Versprechungen und kleinen finanziellen Unterstützungen.

vom Leben neben der Uranmine…

Liebe FreundeInnen,

heute möchte ich Euch mitnehmen nach Caetité, 800km entfernt von Salvador, im Landesinneren von Bahia. In dieser Region existiert die derzeit einzige aktive Uranmine Lateinamerikas. Die INB (Indústrias Nucleares do Brasil) baut hier jährlich 400 Tonnen Urankonzentrat ab. Die Ziele der INB liegen hoch, den in den nächsten Jahren soll der Abbau verdoppelt werden. Brasilien distanziert sich somit, im Gegensatz vieler Länder die nach den letzten Katastrophen wie Fukushima, deren gesamte Auswirkungen bis heute noch nicht klar abschätzbar sind, deutlich. Den so wie es scheint gibt es zum Teil bereits ein Umdenken.

Die absolut unverantwortliche und fahrlässige Art und Weise des Abbaus provoziert in dieser Region unbeschreibliche Soziale- und Umweltprobleme. Wir arbeiten seit einigen Jahren mit den Familien aus den umliegenden Dörfern, die von den Behörden nie über die Gefahren und Problematik informiert wurden, zusammen. Nun ist aus dieser Zusammenarbeit und ihrem Widerstand diese Doku entstanden in der die Anwohnerinnen über ihre Lebenssituation berichten.

Ich lade Euch ein, nehmt Euch bitte ein paar Minuten Zeit, zum zuhören und mitfühlen, den es handelt sich um eine menschliche Tragödie ohne gleichen – „INB: a vida no entorno da mina de urânio (mit deutschen UT)

Aus gegebenem Anlass, den der aktuelle Vertrag des deutsch-brasilianischen Atomvertrages endet mit November diesen Jahres, ist die Doku übrigens Teil einer der Veranstaltungen  im Rahmen der Nunca Mais – Brasilientage, organisiert von der Heinrich Böll Stiftung, die in Berlin stattfindet. Zu sehen am:

DI, 08. APRIL 2014 | 19.30 UHR | HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG, BERLIN

STRAHLENDE GESCHÄFTE

DAS DEUTSCH-BRASILIANISCHE ATOMABENTEUER

Diskussionsabend mit Chico Whitaker (Architekt, Mitglied der brasilianischen Kommission Gerechtigkeit und Frieden), Marijane Vieira Lisboa (Soziologin, Pontifícia Universidade Católica de São Paulo), Jürgen Trittin, (MdB, Bündnis 90/Die Grünen, ehemaliger Umweltminister) und Dawid Bartelt (Leiter des Brasilienbüros der Heinrich-Böll-Stiftung, Rio de Janeiro). Gezeigt wird auch der Doku- mentarfilm „Gelber Kuchen, gelbe Kekse. AnwohnerInnen der Uranmine von Caetité im Gespräch“, Dokumentarfilm von Thomas Bauer (CPT Bahia), Brasilien 2013, 12 min.

Ort: Großer Saal, Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin
Sprache: Simultanübersetzung Deutsch-Portugiesisch | Eintritt: frei
Eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit medico international im Rahmen der Nunca Mais Brasilientage.

Ich bitte Euch die Doku weiterzuteilen, sie auf Eure homepages zu stellen, zu kommentieren und die Situation der AnwohnerInnen publik zu machen und so die Familien zu unterstützen und ihnen Kraft zu geben. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen!

Gelber Kuchen, gelbe Kekse – Vom Leben mit der Uranmine nebenan

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Lateinamerikas einzig in Betrieb befindliche Uranmine liegt im brasilianischen Nordosten, im Bundesstaat Bahia. In Caetité werden jährlich 400 Tonnen Urankonzentrat gewonnen und zu Gelbkuchen weiterverarbeitet, der in Kanada und Europa weiter verarbeitet wird und wieder zurück nach Brasilien gelangt, um dort in Brennstäben in den Atomkraftwerken von Angra eingesetzt zu werden. Die Anwohner_innen der Uranmine wurde von den Behörden nie informiert oder befragt. Nun berichten sie über Leben mit der Uranmine von nebenan.

Eingebettet im semiariden Hinterland des Bundestaates Bahia, im Nordosten Brasilien, liegt in der von der langanhaltenden Trockenzeit stark gekennzeichneten hügeligen Landschaft das kleine Bauerndorf Riacho da Vaca. Den seit Jahrzehnten hier ansässigen Familien von Kleinbäuerinnen und -bauern fehlte bis vor wenigen Jahren nichts. „Hier lebten und ernährten wir uns vom Ertrag unserer Ernten, auf dem Wochenmarkt mussten wir fast nichts einkaufen“, erzählt Elenilde Cardoso. „Wir pflanzten Reis, Bohnen, hielten uns Schweine, Hühner und einige Rinder. Heute aber haben wir fast keine Tiere und Erträge mehr auf unseren Feldern”, sagt sie. Sie selbst lebt seit ihrer Geburt hier im Dorf.

Diese idyllische Lage der Familien hat sich vor ein paar Jahren schlagartig verändert. Seit dem Jahr 2000, nach mehreren Jahren von Testbohrungen und geologischen Studien, gab Brasília grünes Licht – und die staatliche Atomfirma INB begann mit dem Uranabbau in Caetité. Laut offiziellen Angaben des Bundesministeriums für Wissenschaft und Technologie befinden sich hier Reserven von 100.000 Tonnen Uran. Heute werden über den Tagebau jährlich 400 Tonnen von Urankonzentrat gewonnen und zu yellow cake, Gelbkuchen also, weiterverarbeitet. Die Ziele der INB liegen hoch, in den nächsten Jahren soll der Abbau verdoppelt werden – zum Leidwesen der Anrainer.

Die Informationen über den Abbau und seine Folgen dringen nur spärlich bis zur Bevölkerung durch. 14 ländliche Gemeinden der Bezirke Caetité und Lagoa Real sind direkt betroffen, im weiteren Umfeld an die 30.000 Familien. Die INB versprach den Familien Arbeitsplätze. Doch heute, nach über zehn Jahren, sieht die Realität ganz anders aus. „Der Bergbau hat den Dorfbewohnern keine neuen Arbeitsplätze eingebracht, vielleicht aber der Stadtbevölkerung“, berichtet Elenilde Cardoso. Einige aus der Stadt hätten dort Arbeit gefunden, aber der Großteil der Minenarbeiter _innen kommt von auswärts. „Wenn wir das Minenunternehmen darauf ansprechen, sagen sie uns nur, dass es in unserem Dorf keine qualifizierten Fachkräfte gibt.”

Anfangs hatte die INB in den lokalen Schulen und Universitäten große Werbekampagnen organisiert. Es wurden Bildungsveranstaltungen unter dem Motto „Yellow Peace“ abgehalten, wo über die Notwendigkeit des Uranabbaus gesprochen wurde. Die Probleme und Risiken jedoch, das wurde vergessen, darüber zu informieren. Auf diesen Veranstaltungen wurden von den Verantwortlichen gelbe Kekse verteilt sowie einige Setzlinge zur Wiederaufforstung.

Trotz dieser Propaganda hat sich unter der Bevölkerung rasch eine massive Widerstandsbewegung aufgebaut. Florisvaldo Cardoso, Bauer aus dem direkt betroffenen Dorf Gameleira und selbst aktives Mitglied der Widerstandsbewegung, beschreibt die dramatische Situation: „Unsere Hausmauern sind durchzogen von Rissen. Wir sind der gesamten Verschmutzung ausgesetzt“, sagt er. Täglich werde in der Mine gesprengt, der Wind treibe den dichten Rauch und Staub direkt zu ihren Häusern. „Das Haus meines Nachbarn sehe ich dann nicht mehr, es verschwindet im Staub.” Und der Staub ist radioaktiv. Durch die täglichen Sprengungen in der Mine, angesetzt immer zur Mittagszeit, sind die Anrainer_innen einer starken Belastung des krebserzeugenden Radongases ausgesetzt.

Die Radonbelastung ist aber nicht die einzige Gefahr. Seit der Öffnung der Mine kam es mehrmals zu schweren Unfällen. Das Überlaufen der Schutzdämme in der Regenzeit, verseucht mit zurückgebliebenen Abwässern und Schlämmen, bereitet der Bevölkerung große Sorgen. Vor einigen Jahren gelangten auf diesem Weg große Mengen von Uran, Thorium und Radium in das Bachbett der Gemeinde Riacho da Vaca. Diese Unfälle wurden von der INB verschwiegen. Das ganze Minenabbaugebiet ist eingezäunt und wurde zum Sperrgebiet erklärt. So fällt es den Anwohner_innen schwer, den Verantwortlichen etwas nachzuweisen. In diesem konkreten Fall allerdings gelang es auf Druck der Öffentlichkeit , die Mine für mehrere Monate wegen Vernachlässigung der Sicherheitsvorkehrungen von den zuständigen Behörden zu schließen. Ein kurzfristiger Erfolg – bis die Behörden sie wieder öffneten.

Studien von Greenpeace sowie des im Bundesland Bahia zuständigen Institutes für Management von Wasserressourcen und Klima haben eine hohe Kontaminierung des Wassers festgestellt. In verschiedenen kleinen Stauseen, die der lokalen Bevölkerung dienen, wurden Überschreitungen der zulässigen Werte festgestellt – bis zum 47-fachen des erlaubten Grenzwertes. Auch viele der angrenzenden Brunnen sind bereits verseucht. Nach mehreren Anzeigen der Widerstandsbewegung bei den verantwortlichen Behörden hat dies dazu geführt, dass mehrere Brunnen versiegelt wurden. Dann hatten die Anwohner_innen kein Wasser mehr – und dies in einer semi-ariden Gegend wie dieser. „Die meisten der versiegelten Brunnen wurden bereits wieder geöffnet, denn wir sind abhängig von diesem Wasser“, berichtet Elenilde Cardoso. Die Bezirksverwaltung und die INB wollten keinerlei Verantwortung dafür übernehmen, blieben tatenlos. „Der zuständige Bezirksbeamte hat uns aber dazu ermutigt, die Brunnen wieder zu verwenden und uns versprochen, die Stromkosten der Pumpe zu übernehmen. Heute verwenden wir dieses Wasser, denn wir haben keine anderes”.

Ohne die notwendigen Möglichkeiten für die Selbstversorgung wird es für viele der Bauernfamilien immer schwieriger, ihr Überleben zu gestalten. Viele von ihnen sind heute abhängig von sozialen Programmen wie Bolsa Família oder der Rente. Diejenigen Familien, die keinen Anspruch auf diese Unterstützung haben, sind von der Nachbarschaftshilfe abhängig. Das Überleben ist sehr schwierig. In einigen wenigen Dörfern gibt es noch Bauernfamilien, die für ihren Eigenverbrauch und Verkauf produzieren. Wenn sie allerdings auf dem lokalen Wochenmarkt etwas von ihrer Produktion zu verkaufen versuchen, dann zeigt sich: Viele der Kund_innen wollen das Obst und Gemüse nicht. Es ist die Angst vor der radioaktiven Verstrahlung. „Die Leute wollen unsere Produkte nicht, kaufen sie nur, wenn es gar keine anderen gibt. Uran – das ist ein total giftiges Ding und die Radioaktivität ist hoch. Vor dem haben die Leute Angst”, schildert Florisvaldo Cardoso.

Die Perspektive der Familien sind schlecht. Nun plant die INB auch noch eine Ausweitung des Tagebaus. Die Mitarbeiter_innen der INB besuchen die Familien in ihren Häusern und versuchen, sie zum Verkauf ihrer Grundstücke zu überreden. Diejenigen, die nicht einlenken, werden vielfach unter Druck gesetzt. Laut den Mitarbeiter_innen der INB sei es besser, ein wenig zu bekommen als zwangsumgesiedelt zu werden. „Mein Traum war es, wie meine Mutter, meine Großeltern, die hier zur Welt gekommen, aufgewachsen und im hohen Alter verstorben sind, bis an mein Lebensende hier zu verbringen“, erläutert Florisvaldo Cardoso. Heutzutage aber habe sich hier alles verändert. „Ich möchte nicht, aber ich muss voraussichtlich mein Grundstück wegen der Vergrösserung des Abbaugebietes verlassen.”

Zurück im Dorf Riacho da Vaca. In dem neu aufgebauten Haus, wo Elenilde mit ihrem Ehemann und der vor kurzem geborenen Tochter lebt. Was sind ihre Zukunftspläne? Die Antwort ist ernüchternd: „Ich möchte nicht an die Zukunft denken. Früher habe ich noch darüber nachgedacht, aber jetzt habe ich Angst davor“, erläutert sie. „Wenn man soviele Probleme sieht, Kinder, die mit Anomalien auf die Welt kommen, oder die Tiere, die ohne Pfoten oder mit zwei Schädeln auf die Welt kommen, dann bereitet einem das große Angst, um über die Zukunft nachzudenken.“ Was kann noch alles passieren? Das Auslaufen der giftigen Substanzen hier komme andauernd vor, die Luft und das Wasser würden immer mehr verschmutzt. Die Probleme würden noch mehr zunehmen, sagt sie. Erst kürzlich habe sie zwei Cousinen verloren. Eine sei an Leukämie, die andere wegen eines Nierenkrebs verstorben. „Ob es einen direkten Zusammenhang mit dem Uranabbau gibt, das wissen wir nicht, aber wir haben Angst davor, über die Zukunft nachzudenken.”

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Trotz dieser düsteren Perspektive wird die Widerstandsbewegung nicht so einfach aufgeben. Es gibt noch viele unbeantwortete Fragen, die die INB und die Bundesregierung in Brasília noch beantworten müssen. Denn auf den gesetzlich vorgeschriebenen, öffentlichen Anhörungen haben sie Fragen gestellt, rund um die konkreten Probleme. Sie wollen Antworten. Und die neben der Uranmine lebenden Familien versuchen weiterhin, mit Hilfe der Pfarrei und verschiedenen sie unterstützenden Nichtregierungsorganisationen, Lösungen zu finden und ihre Rechte einzufordern. Denn ohne Unterstützung können sie den Kampf gegen die Uranmine von nebenan nicht gewinnen.