Abendliche Gedanken am Vorwahlabend, oder „Mir wurscht!“

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Foto Elza Fiúza/ ABR

Am Sonntag sind in Brasilien Präsidentschaftswahlen und ich könnte getrost sagen: “Mir wurscht!” den ich wähle sowieso nicht in diesem Land! Ganz so einfach gestaltet sich dies allerdings nicht, denn auch ich werde immer wieder um meine Meinung und Ratschläge (falls es so etwas überhaupt gibt) gefragt.

Wenn man den Kommentaren vieler glauben darf, dann steht wieder einmal sehr viel auf dem Spiel. Im Wahlkampf zählt jede Stimme! Doch nüchtern betrachtet, ohne einem der Fanclubs von Dilma, Marina, Aécio, Luciana, Eduardo, Levi,… anzugehören, muss ich mir ernsthaft die Frage stellen: Was ist an dieser Wahl anders, als an der vor vier Jahren?

Vielleicht, dass die derzeitige Präsidentin Dilma Rousseff, damals vom Mythos Lula gepuscht, möglicherweise – wegen dem tragischen Unfalltod von Eduardo Campos – nicht wiedergewählt wird? Das Marina seine Position eingenommen hat und durch die über wenige Tage andauernde nationale Trauer zu neuen Wählerstimmen gekommen ist? Kann sein, muss aber nicht sein.

Ist es allgemein nicht vielmehr so, das ähnlich wie bei den letzten Wahlen wir uns in einer ähnlichen Krise befinden und uns nur die Möglichkeit bleibt das geringere Übel zu wählen. Wenn dem so ist, was wollen – oder können – wir den dann damit überhaupt erreichen? Vielleicht, das wir somit das “für uns Schlimmste” dabei verhindern, oder das keine wortgewaltige blauäugige Eintagsfliege anhand der Protestwähler die Wahl gewinnt? Ich gebe zu, all dies kann durchaus einige motivieren um an den Wahlen teilzunehmen. Auf der anderen Seite denke ich müssen wir uns aber auch die legitime Frage stellen, wie lange wollen wir “dieses Spiel auf diese Art und Weise” noch mitspielen?

Wenn ich vom “Spiel” spreche, dann meine ich hier nicht nur das aktuelle politische Regime, die Parteien, die Kandidaten und Wahlen, sondern auch von Millionenschweren Wahlkampagnen koordiniert von Marktstrategen und finanziert von einigen wenigen transnationalen Giganten. Von einer mächtigen Wirtschafts- und Finanzlobby, politischen Mandaten die nichts mit den Wählerinteressen zu tun haben, Koalitionen die mehr wirtschaftlichen Interessensvereinigungen gleichen,…

Tagtäglich habe ich mit den Menschen zu tun, die von diesem System ausgenützt werden und “gelernt haben zu verlieren”. Da nützt es auch nicht viel, wenn wie diese Woche, die brasilianische Regierung von der UN- Generalversammlung in New York wegen ihrer Sozialprogramme gelobt wird. Denn laut den Vereinten Nationen liegt Lateinamerika beim Thema Armutsbekämpfung ganz vorn.

Dem kann ich leider nicht ganz zustimmen. Vielmehr handelt es sich doch um immer ärmere werdende Menschen – schlimmer noch, vielfach zu Objekten degradiert -, abhängig von assistenzialistischen Programmen, oder bis zu einem gewissen Grad ausschließlich als Konsumenten in die vom Kapitalismus dominierte Welt integriert. Ich weiß, die Devise lautet, wer hat der ist! Egal auf Kosten von wem und wie!

Die Armen in die Konsumgesellschaft einzugliedern bedeutet aber für mich noch lange nicht ihre Lebensqualität dadurch zu verbessern. Vielmehr halte ich es für dringend und absolut notwendig – wenn es um eine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität gehen soll – das es zu umlegenden strukturellen Veränderungen des Systems, der immer mehr steigenden Konzentration von Kapital und Macht kommen muss.

Für viele mag es radikal klingen, aber diese längst notwendige Veränderung ist meiner Meinung nach nur durch die Implosion – von unten und innen – des jetzigen dominierenden kapitalistischen Systems möglich. Wie wäre es mit der Organisation der zivilen Ungehorsamkeit, des massiven Wahlboykotts oder der Anti-Nominierungen – wie damals von Ulysses Guimarães Silveira, der ohne Chance auf einen Sieg – durch seine Kandidatur die Möglichkeit nutzte um die dramatischen Folgen der Militärdiktatur (in unserem Fall der Sozialen-, Umwelt-, Flüchtlingsproblematik, dem Klimawandel,…) aufzuzeigen.

Ich denke es gäbe noch andere Beispiele die hier angeführt werden könnten, bin mir aber gleichzeitig bewusst, das es kein fertiges und einfach präsentierbares Rezept gibt. Warum allerdings, wenn uns bewusst ist, dass wir über diese festgefahrene Struktur das Steuer nicht mit in die Hand, sowie die Richtung nicht mitbestimmen können sollen wir weiterhin durch unsere kostbare Stimme – die Kandidaten die ihre politische Arbeit ernst nehmen, und die gibt es ohne Zweifel, die mögen mir verzeihen – “dieses Spiel” legitimisieren? Was meint Ihr?

Ach übrigens, bevor ich es vergesse, für Alle die es interessiert, laut einer der letzten veröffentlichten Wahlanalyse liegt unsere aktuelle Präsidentin Dilma mit 45%, klar vor Marina mit 25%, sowie Aécio mit 20%.

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